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4. Die Kirche lobt und verwirft

Der bevormundete und der mündige Arbeiter

Der Schritt vom 19. ins 20. Jahrhundert war von dem schroffen Nebeneinander althergebrachter und moderner Lebensstile, technischem Fortschritt und überkommener Besitzverhältnisse begleitet. Im Deutschland Wilhelms II. gaben Adel, Militär und Großbürgertum den Ton an, während Arbeiter und Kleinbürger um ihre Stellung im Staat zu kämpfen hatten. Die Industrialisierung erlebte ab Mitte der 1890er Jahre einen neuen Aufschwung, von dessen Früchten die Besitzlosen ihren Anteil forderten.

Von 1870 bis 1910 vervierfachte sich die Bevölkerung in den Großstädten; Gründe waren geringere Säuglingssterblichkeit, höhere Lebenserwartung und der Zuzug von Arbeitskräften aus dem wenig industrialisierten Osten in den Westen. Die „Massengesellschaft“ entstand.

Bis dahin hatte der Klerus auf die Soziale Frage zumeist durch seelsorgliche Belehrung der Arbeiter und Mahnung der Besitzenden zu Werken der Nächstenliebe und des Almosens reagiert. Priester wie Bischof Ketteler und Adolph Kolping waren trotz ihres vielgelobten Engagements Ausnahmen geblieben. Desgleichen stießen Sozialpolitiker der katholischen Verbände und der Zentrumsfraktion in ihrem Milieu auf hartnäckigen Widerstand.

Die entscheidende Frage, die sich wie ein roter Faden durch die Vielzahl der innerkatholischen Konflikte zieht, war: Hat die Kirche die allumfassenden „Heilmittel“ für die Not des Proletariats oder ist ein je eigenverantwortliches Zusammenwirken von Kirche, Staat sowie den Betroffenen und gesellschaftlichen Gruppen vonnöten?

 

„Rerum novarum“

„Der Geist der Neuerung“ sind die Anfangsworte der ersten Sozialenzyklika, die 1891 von Leo XIII. unterzeichnet wurde. Der Papst widmete sich hierin ausschließlich der Arbeiterfrage. Die kapitalistische Wirtschaftsweise wird anerkannt, zugleich zum Kampf gegen deren Auswüchse aufgerufen.

Die Reichen und die Armen zu versöhnen und den Sinn der Ordnung der unterschiedlichen Stände hierbei zu wahren, ist das Ziel der Kirche: „So wenig das Kapital ohne die Arbeit, so wenig kann die Arbeit ohne das Kapital bestehen.“

Die katholische Position des natürlichen Rechts auf Eigentum interpretiert Leo auch als Recht des Arbeiters auf Eigentum. Lohngerechtigkeit bedeute, dass der Arbeiter für sich und seine Familie angemessen sorgen und für sein Alter ein entsprechendes Vermögen erwirtschaften kann. Damit werden Sozialismus und Staatsfürsorge ausgeschlossen. Galt bisher „alles für den Arbeiter, nichts durch den Arbeiter“, wird nun eine gewisse Mündigkeit zugestanden. Das Recht auf Vereinsbildung wird als Menschenrecht propagiert.

Der Unterschied zwischen Standesverein und Gewerkschaft wird nicht gesehen, was später in einen schmerzhaften innerkirchlichen Klärungsprozess führte. Als mitzuständig wird der Staat verpflichtet. Er habe Gerechtigkeit gegen alle zu üben und notfalls durch Schutzgesetze die geistigen und materiellen Ansprüche zu sichern; genannt werden etwa Sonntagsruhe, Arbeitszeitregelung sowie Frauen- und Kinderarbeit.

Bei aller Neuverteilung der Zuständigkeiten trägt jedoch weiterhin an erster Stelle die Kirche die Verantwortung. Sie hat beiden Klassen und den Staatslenkern die rechte Gesinnung einzuschärfen, denn „ohne Zuhilfenahme von Religion und Kirche ist kein Ausgang aus diesem Wirrsale zu finden“.

Unverkennbar hat Ketteler dem Rundschreiben Pate gestanden, den Leo XIII. einmal „son grand prédécesseur“ – seinen großen Vorgänger – genannt hat. Im übrigen hatte die Union de Fribourg, eine internationale Vereinigung katholischer Sozialwissenschaftler, lange Jahre für eine verbindliche katholische Soziallehre vorgearbeitet.

 

Schule der Arbeiter

„Rerum novarum“ wurde zu Recht als Anerkennung der katholischen Sozialbewegung verstanden, nun gingen von ihr wichtige Impulse aus. Neben neuen Arbeiter- und Gewerkvereinen entstanden beispielsweise 1897 der „Caritas-Verband Deutschland“

durch Pfarrer Lorenz Werthmann; 1899 der „Verein zum guten Hirten“/ „Katholischer Fürsorgeverein für Mädchen, Frauen und Kinder“ durch Agnes Neuhaus; 1903 der „Katholische Deutsche Frauenbund“ durch Minna Bachem-Sieger.

Größte Bedeutung für den sozialen und politischen Katholizismus gewann der 1890 gegründete „Volksverein für das katholische Deutsch- land“. Im Vorfeld war um die Zielrichtung eines allgemeinen Katholikenvereins gestritten worden. Der Zentrumsführer Ludwig Windthorst hatte sich entschieden gegen einen anti- protestantischen Kampfbund ausgesprochen – wie von Bischof Korum (Trier) und Mitstreitern geplant –, um keinen neuen Kulturkampf vom Zaun zu brechen. Statt dessen arbeitete Franz Hitze ein Programm für einen katholischen Massenverein aus, der Gegengewicht zur sozialistischen Bewegung sein sollte.

In der atheistischen und antikirchlichen Agitation sah man die weit aktuellere Gefahr für die Kirche und die katholischen Arbeiter. Vereinszweck wurde „die Bekämpfung der Irrtümer und Umsturzbestrebungen auf sozialem Gebiet und die Verteidigung der christlichen Ordnung in der Gesellschaft“.

Franz Hitze (1851–1921), ein von einem Olpener Bauernhof stammender Geistlicher, Sozialwissenschaftler und Reichstagsabgeordneter des Zentrums, war neben Franz

Brandts und August Pieper einer der führenden Köpfe. Zu den Aufgaben des Volksvereins zählten sie die Förderung der katholischen Arbeitervereine, die als Standesvereine von Klerikern geleitet wurden, und ab 1893 die Unterstützung der christlichen Gewerkschaften. Kern der Tätigkeit war die direkte Hilfe durch Volksbüros und Vertrauensleute, die He- rausgabe von Schriften wie den „roten Heften“ (Mitgliederzeitschrift) und Flugschriften (bis 1914 ca. 90 Mio.) und schließlich das praktisch-soziale und volkswirtschaftliche Kursangebot.

In Seminaren für Arbeiter, Handwerker, Kaufleute, Bauern, Beamte, Techniker, Lehrer, Frauen und Kleriker wurden tausende Katholiken ausgebildet. Der Berliner „Großstadtapostel“ und Studentenseelsorger Carl Sonnenschein richtete das „Sekretariat Sozialer Studentenarbeit“ ein, um die akademische Jugend für die Sozialarbeit zu gewinnen. Der Volksverein wurde zur Kaderschmiede, zum „sozialen Gewissen“ des Zentrums – ohne seine Unabhängigkeit gegenüber Kirche oder Partei aufzugeben.

Schon im ersten Jahr konnten über 100000 Mitglieder gewonnen werden (Jahresbeitrag: eine Reichsmark); bis 1914 waren es über 800000 in 6500 Ortsvereinen mit 60000 Vertrauensleuten.

Auf dem Katholikentag in Osnabrück 1901 hielt Ernst Lieber, Führer der Zentrumsfraktion, die mittlerweile traditionelle Volksvereinsrede zum Thema „Papsttum und christliche Demokratie“. Auf die kurz zuvor verkündete Enzyklika „Graves de communi“ bezugnehmend, in der Leo die „christliche Demokratie“ unpolitisch als rein soziale Tätigkeit zum Wohle des Volkes definiert, sieht Lieber diese Form durch den Volksverein verwirklicht.

Die Ausrichtung des Volksvereins war den paternalistisch-konservativen Vertretern in Zentrum, Klerus und unter den Laien ein Dorn im Auge. Die Früchte der Arbeit formulierte der christliche Gewerkschafter Johannes Giesberts (1865–1938), ehemals Heizer, als Redakteur nach München- Gladbach geholt und in der Weimarer Republik Reichspostminister, in einem Satz: „München-Gladbach hat uns Arbeiter das Denken gelehrt.“

 

Solidarismus – der „Dritte Weg“

Was vermag die praktische soziale Arbeit und Sozialpolitik ohne theoretische Fundierung? Um auf Dauer wirken zu können, hielt Heinrich Pesch (1854–1926) die systematische Auseinandersetzung mit sozialen Modellen für dringend erforderlich. Der Kölner Schneidersohn hatte Theologie, Jura und Nationalökonomie studiert; nach seinem Eintritt in den Jesuitenorden wurde er nach England geschickt, wo ihm „das Los der Arbeiterklasse ... jeden Tag vor Augen stand“.

Die liberale Ökonomie, die sich auf „Naturgesetze“ des Marktes und den natürlichen Egoismus berief, schien ihm ebenso unzulänglich wie der „wissenschaftliche“ Sozialismus, der Klassenkampf und Kollektivismus als vorgezeichnetes Entwicklungsgesetz begründete. Pesch, der auch Gedanken Kettelers und Hertlings aufgriff, bemühte sich um eine Synthese von Markt und Sozialisierung, von Individualismus und Gemeinschaft.

In der „Solidarität“ sah er eine „sittliche Forderung der vernünftigen Menschennatur“. Dabei unterscheidet er drei Ebenen der Solidarität: 1. die allgemein menschliche der „Gottesfamilie“; 2. die der Staatsgenossen und des gemeinwohlverpflichteten Staates und 3. die der Berufsgenossen untereinander. Letztere Form soll insbesondere das Verhältnis von Arbeitgebern und Arbeitnehmern ordnen, ist also das Gegenteil der Klassenkampftheorie.

Eingeschlossen sind darin Vorstellungen wie betriebliche und überbetriebliche Mitbestimmung bis hin zu einem staatlichen Wirtschaftsrat. Der Mensch als Träger wirtschaftlichen Handelns und die organische Einheit des Berufsstandes waren die zentralen Anliegen von Pesch. Sein „christlicher Solidarismus“, als katholische Einheitslinie gepriesen, prägte über seine Schüler Gustav Gundlach und Oswald von Nell-Breuning die Enzyklika „Quadragesimo anno“ (1931) Pius’ XI.

Pesch wollte zur Versittlichung der Volkswirtschaft bei- tragen; aber er warnte auch vor Übertreibungen. Aus der Heiligen Schrift sei kein Wirtschaftssystem abzuleiten: „Mit Religion kann man kein Korn dreschen.“

 

Gewerkschaftsstreit

Das wachsende Selbstbewusstsein der Arbeiter war am Organisationsgrad ihrer Verbände ablesbar. Hatten die sozialdemokratisch orientierten „Freien Gewerkschaften“ bereits 1869 fast 50000 Mitglieder und konnten sich trotz der Sozialistengesetze bis 1895 verfünffachen, so begannen die „Christlichen Gewerkschaften“ erst ab 1894 und erreichten nach einem Jahr 5 500 Mitglieder. Bis 1913 wuchsen die „Freien“ auf rund 2 530 000 an, die „Christlichen“ auf 340000.

Deren Hoffnungen auf eine weltanschaulich neutrale Gewerkschaftsbewegung nach dem Vorbild der englischen Trade Unions hatten sich angesichts des antireligiösen und klassenkämpferischen Programms der Sozialisten zerschlagen; diese nötigten die katholischen Arbeiter entweder zur Aufgabe ihrer Religion oder beschimpften sie als „Verräter“ an ihrer Klasse.

Der fränkische Schreiner Adam Stegerwald (1874–1945), Mitglied des Kolpingschen Gesellenvereins und des Arbeiterwahlvereins des Zentrums, stieß in München zur Gewerkschaftsbewegung. 1902 wurde er zum Generalsekretär des Gesamtverbands der Christlichen Gewerkschaften gewählt. Man bewegte sich selbstverständlich auf dem Boden der staatlichen Ordnung, doch ebenso selbstverständlich befürwortete man auch den Streik – als ultima ratio des Arbeitskampfes. Die Christlichen Gewerkschaften waren interkonfessionell angelegt, um mit allen, die nicht antireligiös eingestellt waren, zusammenarbeiten zu können.

Auf Anregung Franz Hitzes hatten die Katholikentage der 1890er Jahre den Christlichen Gewerkschaften ihre Unterstützung zugesagt. Sie sollten die konfessionellen Arbeiter- vereine, die keine wirtschaftliche Interessenvertretung waren, ergänzen.

Diese „München-Gladbach/ Kölner Richtung“ wurde ab 1900 von der „Berlin/Trierer Richtung“ scharf angegriffen. Streik galt ihnen als verwerfliches Klassenkampfmittel, und statt Interkonfessionalität wurde ein „positiv kirchliches Bekenntnis“ verlangt. Bischof Korum ließ verlauten: „Auch wenn die Gewerkschaften nur katholische Mitglieder aufwiesen, die Leitung aber einem Arbeiter zuwiesen, müssten wir sie bekämpfen. Alles kommt darauf an, dass die Geistlichen die katholischen Arbeiter in der Hand behalten.“

Der so genannte Integralismus beanspruchte, alle Fragen des öffentlichen wie privaten Lebens aus dem Glauben heraus zu regeln, bis hin zur kirchlichen Leitung in Lohnfragen der Weber und Eisengießer. Stimmführer der Integralisten war Georg Kardinal Kopp (1837–1914). Als gebürtiger Hannoveraner trat er für die nationale Aussöhnung ein, was ihn zum Mittelsmann zwischen Rom und Berlin befähigte und ihm die Unterstützung der Regierung verschuf, als es um die Berufung zum Fürstbischof von Breslau ging. Patriarchalisch geprägt, war er dem Adel und den schlesischen Großgrundbesitzern zugeneigt.

Er fürchtete eine „Dekatholisierung“, deren Wurzeln er im Volksverein und in dessen emanzipatorischer Schulungsarbeit sah. Für die „Verseuchung des Westens“ drohte er August Pieper und anderen mit Verurteilung aus Rom.

Die katholischen Arbeiter, angefeindet von den Sozialisten und abgekanzelt von der Kirche, waren die Leidtragenden. Trotzig waren Sprüche bekannt wie: „Was schert uns Kopp und Korum? Wir pfeifen auf Rerum novorum!“

Für das Fuldaer Pastorale von 1900 hatte Kopp die Bischofskonferenz noch hinter sich bringen können; danach waren nur von Priestern geleitete Arbeitervereine mit entsprechenden Fachabteilungen erlaubt. Zwölf Jahre später erließ Pius X. mit der Enzyklika „Singulari quadam“, dass unter bestimmten, engen Voraussetzungen interkonfessionelle Gewerkschaften „geduldet“ werden könnten – was die große Mehrheit der Bischöfe erleichtert aufnahm.

Der unselige Gewerkschaftsstreit ging schließlich im Ersten Weltkrieg unter, erst in der Enzyklika „Quadragesimo anno“ wurde die München-Gladbach/Kölner Richtung bestätigt. Oswald von Nell-Breuning stellte dazu rück- blickend fest: „Als Papst Pius XI. 1931 das ‚tolerari posse’ Pius’ X. in ‚approbare’ (gutheißen) umwandelte, war das für diejenigen, die sich von den Integralisten als kirchlich nur ‚geduldet’ hatten beschimpfen lassen müssen, eine späte Genugtuung, aber von keiner praktischen Bedeutung mehr.“

Sozialbewegung – Teil 2

Sozialbewegung – Teil 3

Sozialbewegung – Teil 1

BR-Begleitmaterial

Das Bayerische Fernsehen hat den Dokumentarfilm „Kolping“ gesendet und dazu Begleitmaterial herausgegeben, auch für den Schulunterricht.

Hier zu den Begleittexten

Was würde Kolping heute tun?

Was würde Adolph Kolping heute – 200 Jahre nach seiner Geburt – in meiner Stadt tun? – Einige Gedankenanstöße.

Hier zum Beitrag

Kolping – der Publizist

Adolph Kolping war nicht nur Gesellenvater, Sozialreformer, Pädagoge und Pionier der Erwachsenenbildung, sondern zugleich auch einer der erfolgreichsten katholischen Publizisten.

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