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Kolping – der erfolgreiche Publizist

Adolph Kolping war nicht nur Gesellenvater, Sozialreformer, Pädagoge und Pionier der Erwachsenenbildung, sondern zugleich auch einer der erfolgreichsten katholischen Publizisten.

Als Adolph Kolping am 3./4. November 1837 damit beginnt, ein Tagebuch zu verfassen, ist er knapp 24 Jahre alt und besucht das Gymnasium – zusammen mit rund zehn Jahre jüngeren Mitschülern. Dieses Tagebuch lässt seine besondere Beobachtungsgabe erkennen, und es ist für ihn ein wichtiges Hilfsmittel, sich mit Lebensfragen auseinanderzusetzen. Bei seinem vierten Eintrag macht sich Adolph Kolping auf Seite 35 Gedanken über die „Gebildeten“ und deren großen Einfluss auf das öffentliche Bewusstsein. Er beschreibt, dass die Gebildeten Samen ausstreuen, „sei es zum Leben oder zum Tod, mögen es Giftpflanzen oder stinkendes Unkraut, oder Heilkräuter und nützliche Gemüse sein“. Kein Zweifel, Adolph Kolping will – um im Bild zu bleiben – nicht Giftpflanze, sondern Heilkraut sein. Und das mit ganzer Leidenschaft, wie sich bald zeigt. Dieser Vorsatz wird sein ganzes Leben prägen. Er will dem schlechten Einfluss vieler „Gebildeter“ in der Öffentlichkeit etwas entgegensetzen. Als Handwerksgeselle hat er selbst deren Nach-ahmungswirkung in der Unterschicht miterlebt.

Als Student in Bonn mischt sich Adolph Kolping folglich in die theologischen Richtungskämpfe ein. Er stellt sich eindeutig auf die Seite des Papstes und des Kölner Bischofs und wendet sich gegen die theologischen Abweichler. Dazu verfasst er als Student mehrere publizistische Beiträge, zum Beispiel ab 1843 in den „Katholischen Sonntagsblättern“ (Mainz).

Als wichtiges Instrument der Öffentlichkeitsarbeit erweist sich Kolpings Broschüre „Der Gesellen-Verein“. In diesem 1848 noch in Elberfeld verfassten propagandistischem Text beschreibt Kolping ausführlich die Verbandsidee und ihre Notwendigkeit zur Verbesserung der sozialen Lage von Handwerksgesellen. 1852 folgt die ebenso wichtige und wirkungsvolle Broschüre „Für ein Gesellen-Hospitium“ im Umfang von 24 Seiten.

Regelmäßig wird auf den Generalversammlungen der katholischen Vereine, die seit 1848 jährlich stattfinden und als Vorläufer der heutigen Katholikentage gelten, kritisch über die damalige „schlechte Presse“ in Deutschland diskutiert. Die Katholiken fühlen sich als wehrloses Opfer bösartiger Angriffe. Beim Katholikentag im Jahr 1856 schätzt ein Redner das Verhältnis der katholischen Blätter zu den anti-katholischen auf 1 : 25, berichtet Michael Schmolke in seinem Buch „Adolph Kolping als Publizist“.

Adolph Kolping will sich damit nicht abfinden. Seit August 1847 ist er Mitarbeiter des „Rheinischen Kirchblattes“. Mit tausend Exemplaren hält sich die Auflage des meist wöchentlich erscheinenden Blattes in Grenzen. Immerhin ist es das bedeutendste katholische Blatt im Erzbistum Köln, stellt der Publizistik-wissenschaftler Michael Schmolke fest. In seinem ersten Beitrag für das Rheinische Kirchblatt berichtet Adolph Kolping über ein harmloses Thema: Er schildert Firmung und Kirchweihe in Elberfeld durch den Kölner Erzbischof. Aber bereits in seiner zweiten Veröffentlichung und in den folgenden Ausgaben widmet sich Kolping seinem Herzensanliegen, dem Elberfelder Jünglingsverein.

Im April 1849 zieht Kolping von Elberfeld nach Köln um und gründet im Mai den dortigen Gesellenverein. Bereits im Dezember des gleichen Jahres übernimmt er zusätzliche Verantwortung und wird Redakteur des Rheinischen Kirchblattes, gemeinsam mit Christian Hermann Vosen, seinem langjährigen Weggefährten und späteren Mitarbeiter. Warum bürdet sich Adolph Kolping, der mit dem Aufbau des neu gegründeten Verbandes mehr als alle Hände voll zu tun hat, diese zusätzliche Last auf? Zumal er zwei Jahre später als alleiniger Chefredakteur die volle Verantwortung übernimmt?

Mehrbelastung setzt Grenzen

Die Mehrfachbelastung setzt dem publizistischen Ehrgeiz Kolpings Grenzen: Er schreibt viel aus deutschen Zeitungen ab. Aber bereits jetzt fließen die Einnahmen vollständig in den Aufbau des Gesellenvereins; die freien Mitarbeiter verzichten auf ein Honorar. Und bereits im Jahr 1850 gründet Adolph Kolping die Beilage „Vereins-Organ“, die später in „Feierstunde“ umbenannt wird; hier ist auf vier Seiten Raum für Berichte aus dem Gesellenverein, die Kolping meist selbst verfasst.

Im März 1854 beendet Kolping seine Tätigkeit beim Rheinischen Kirchblatt und gründet zum 1. April 1854 ein eigenes Wochenblatt, die „Rheinischen Volksblätter“. Die Brücke dorthin hat eine weitere Initiative ermöglicht: sein Engagement für den „Katholischen Volkskalender“. In jener Zeit finden Tageszeitungen auf dem Land kaum Verbreitung. Die Hauptinformationsquellen sind Landboten, die von Ort zu Ort wandern, und Volkskalender – eine Art Zeitungsersatz für Landleute, Handwerker, Hausfrauen und Mägde. Denn neben dem Kalendarium enthält ein Volks-kalender einen umfangreichen Leseteil mit Erzählungen, Anekdoten, Gedichten und Rätseln.

17 Jahre lang ist Kolping als „Kalendermann“ tätig. Der Leseteil enthält anfangs 160 Seiten, dazu das Kalen-darium, ein Verzeichnis der Jahrmärkte und Messen sowie Anzeigen, insgesamt 200 Seiten. Kolping- schreibt die längeren Beiträge ganz überwiegend selbst. Gerne schildert der Volkspädagoge, zum Beispiel wie arme Menschen trotz Schicksalsschlägen mit dem Leben versöhnt werden, wie junge Heißsporne durch unermüdliche Liebe von Freunden und Verwandten auf den rechten Weg gebracht werden oder reiche Leute wegen ihrer glaubenslosen Gier in Konkurs geraten. In den lebensnahen Erzählungen siegt am Ende das Gute. Die Auflage steigt von 10000 auf 14000 Exemplare.

Vom Kalendermann ist es nicht weit zum Schöpfer der „Rheinischen Volksblätter für Haus, Familie und Handwerk“. Sein Konzept ist ähnlich: Er spricht hauptsächlich die Landbevölkerung und jene Schichten an, die eine Tageszeitung nicht bezahlen können. Folglich ist es eine wichtige Aufgabe des Wochenblattes, die Ereignisse in Kirche und Politik darzustellen. Handwerk und Gesellenverein bilden weitere wichtige Inhalte. „Die Pflege des christlichen Familienlebens ist Hauptzweck“, so Kolping in einer Werbeanzeige für das 16-seitige Heft. Gerne setzt sich Kolping mit dem Zeitgeist und den ihn prägenden Liberalismus kritisch auseinander. Hier nimmt er kein Blatt vor den Wund und wählt eine mutige, deutliche Sprache.

Bei den Dialogen mit dem „Landboten Stephan“ und den Erzählungen über die Erlebnisse des Landarztes „Dr. Fliederstrauch“ geht es Kolping um Themen des mitmenschlichen Umgangs wie Streit und Versöhnung, Schuld, Leichtsinn und Verantwortung, die in vielfältigen Alltagsthemen aufgegriffen werden. Hier kommt Kolpings Leidenschaft zum Ausdruck, als Publizist „Heilkraut“ sein zu wollen, um zu den Faktoren eines gelingenden Lebens hinzuführen. Dabei sind viele der Erzählungen so packend und alltagsnah geschrieben, dass wohl viele Leserinnen und Leser kaum das Erscheinen der nächsten Fortsetzung abwarten mochten. Innerhalb von fünf Jahren erscheinen allein 73 Episoden um den erfundenen Landarzt „Dr. Fliederstrauch“. Sie können heute in Band 10 der Kolping-Schriften auf insgesamt 418 Seiten nachgelesen werden. Die Dokumentation aller schriftlichen Aufzeichnungen Kolpings umfasst 16 derartige Bände.

Die Berichte über Entwicklungen im Gesellenverein nehmen nur 6,3 Prozent des Gesamtumfangs in den Rheinischen Volksblättern ein; an erster Stelle steht die Rubrik „Politisches Tagebuch“ mit einem Anteil von 26,5 Prozent, gefolgt von Erzählungen und Leitartikeln (16 Prozent) sowie allgemeinen Berichten und Reportagen (15,1 Prozent). Etwa die Hälfte der Inhalte verfasste Kolping von 1854 bis zu seinem Tod 1865 selbst.

Die „Rheinischen Volksblätter“ entwickeln sich zum publizistischen und finanziellen Erfolg: Die Auflage wächst auf 6100 Abonnenten an, die Zahl der Leser wird auf 30000 geschätzt. Im erfolgreichsten Jahr verdient Kolping als Verleger und Chefredakteur damit das Mehrfache eines Professorengehaltes. Nur den geringsten Teil der Einkünfte verwendet er für persönliche Bedürfnisse; hauptsächlich setzt Kolping sie zur Finanzierung des Gesellenhospitiums und seiner umfangreichen Reisetätigkeit ein.

Kolping gründet 1863 noch eine weitere Zeitschrift, die sich gezielt an die Leitungskräfte wendet: die „Mitteilungen für die Vorsteher der katholischen Gesellen-vereine“. Seine Grundidee, eine eigene Zeitschrift für Leitungskräfte herauszubringen, besteht bis heute in der Zeitschrift „Idee und Tat“ im Kolpingwerk fort. Auch das Kolpingmagazin, gegenwärtig die bekannteste katholische Zeitschrift in Deutschland, steht in der Tradition Adolph Kolpings, der nach Einschätzung des Salzburger Publizistikwissenschaftlers Michael- Schmolke zu den „erfolgreichsten katholischen Publizisten des 19. Jahrhunderts“ zählt und „mehr Menschen in Bewegung gesetzt hat als die namhaften Stimmen der damaligen Oberschichtpresse“, wie er gegenüber dem Kolpingmagazin bestätigte.

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Michael Schmolke hat Kolpings Vorgehensweise zusammengetragen:

Der Kalendermann übt sein Amt in Verantwortung vor Gott aus.

Das verpflichtet ihn zur Wahrheit.

Kolping versteht sich als Volkspädagoge: Früher enthielten Kalender Tipps zur Viehhaltung und beschrieben Mittel gegen Ungeziefer. Heute müsse der Kalender das Familienleben rein halten und Gefahren für die Allgemeinheit verhüten.

Der Kalender muss „zünftig“ gemacht sein, „gesalzen und gepfeffert“.

Der Kalendermann muss als wirkliche Person gekannt, geliebt und Jahr für Jahr als vertrauter Familienbesuch aufgenommen werden.

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Gebildete