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3. Katholiken im Kaiserreich

Kirchenkampf und Sozialistengesetz blockieren den sozialen Frieden

Im Spiegelsaal des Versailler Schlosses wurde am 18. Januar 1871 der preußische König, Wilhelm I., zum Kaiser des Deutschen Reichs proklamiert. Der Deutsch-Französische Krieg um die preußische Machtstellung in Europa mündete in der nationalen Einheit. Otto von Bismarck, der preußische Ministerpräsident, hatte daran größten Anteil. Als nunmehriger Reichskanzler war er in ständiger Sorge, diese Einheit gegen äußere und innere Feinde zu sichern. Der Sohn eines altmärkischen Landedelmannes hatte als junger Mann zum pietistisch geprägten Christentum gefunden. Der Kern seines Staats- und Glaubensverständnisses hat er in einer Rede aus dem Kriegsjahr 1870/71 formuliert: „Wenn ich nicht mehr Christ wäre, diente ich dem König keine Stunde mehr... Denn warum, wenn es nicht göttliches Gebot ist – warum soll ich mich dann diesem Hohenzollern unterordnen?“

So hielt er treu zum preußischen Monarchen von Gottes Gnaden, der zugleich oberster Bischof der evangelischen Kirche war, und beargwöhnte die Bewegungen, die sich anschickten, dem König und Kaiser und dem Vaterland den geschuldeten Gehorsam zu verweigern.

 

Kulturkampf

Zusammen mit den Preußen waren im August 1870 auch die süddeutschen Länder in den Deutsch-Französischen Krieg gezogen. Die katholischen Bürger fühlten national, doch ebenso selbstverständlich stand man zur römischen Kirche. Wiewohl Preußen den Papst als Souverän achtete, misstraute es den Katholiken im Lande. In den Augen der Nationalliberalen, mit denen Bismarck verbunden war, gehorchten sie einem fremden Monarchen „jenseits der Berge“; sie waren „Ultramontane“. Diese weitverbreitete Ansicht erhielt durch das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes, das von Pius IX. auf dem Vatikanischen Konzil 1870 verkündet worden war, neue Nahrung.

In der Tat erwuchs Bismarck mit der Gründung der Zentrumspartei im Reichstag (1871) ein hartnäckiger Gegner. Ludwig Windthorst (1812–1891), seiner Familientradition entsprechend Jurist, entwickelte sich zum unumstrittenen Führer von Fraktion und Partei. 1849 war er als Abgeordneter der Hannoverschen Ständeversammlung zur Politik gestoßen. Zwei Jahre später wurde er von dem welfischen König Georg V. zum Justizminister berufen – der erste Katholik, der in Hannover ein Ministeramt bekleidete. Zeitlebens widmete er seine politische Arbeit der Freiheit der Kirchen vor staatlicher Bevormundung und der Gleichberechtigung der Konfessionen (Parität). Als Politiker und Rechtsanwalt verteidigte er die „katholische Sache“ – aber ebenso auch die Interessen anderer Minderheiten wie der polnischen und elsässischen Bevölkerung oder die religiösen Belange von lutherischen und jüdischen Bürgern. Das Zentrum, als „Verfassungspartei“ konstituiert, verstand sich – zumindest mehrheitlich – nicht als kirchliche Partei; zwar sammelten sich dort fast nur Katholiken, doch stand es anderen Konfessionen offen.

Die Auseinandersetzung mit dem politischen Katholizismus wurde von den Nationalliberalen und der Fortschrittspartei in aller Schärfe vorangetrieben. Der Berliner Arzt Rudolf Virchow prägte für den Streit um die Verweltlichung des Staates und seiner Emanzipation von Religion und Kirche den Begriff “Kulturkampf“.

 

„Kanzelparagraph“

Ähnliche Konflikte gab es auch in katholischen Ländern wie Österreich und Bayern. Das Unfehlbarkeitsdogma war von Pius IX. trotz erheblicher innerkirchlicher Widerstände durchgesetzt worden – ein Teil der Bischöfe, darunter Ketteler, hatte Rom vorzeitig verlas- sen, um nicht ihrem Gewissen entsprechend gegenstimmen zu müssen, unterwarf sich aber später. Ein kleiner Teil spaltete sich ab – die Kirche der „Altkatholiken“. Diese Situation nahm der Staat zum Anlass, mit staatlichen Gesetzen die innerkirchliche Ordnung zu regulieren.

In Preußen gerieten die katholische Bevölkerung und der Klerus unter besonders heftigen Druck: Kanzelparagraph (Verbot für Geistliche, sich über staatliche Angelegenheiten „in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise“ zu äußern), Schulauf- sicht, Verbot der Jesuiten und anderer Orden standen am Anfang. Die so genannten Maigesetze stellten die Ausbildung und Anstellung der Geistlichen unter staatliche Aufsicht. Die kirchliche Disziplinargewalt wurde auf einen königlichen Gerichtshof übertragen; katholische Vereine, Kundgebungen und Zeitungen wurden polizeilich kontrolliert. Windthorst prophezeite im Parlament den Widerstand der Gläubigen: „An diesem passiven Widerstande wird früher oder später alles das zerschellen, was in diesen Gesetzen beabsichtigt wird. Gebe Gott, dass das Vaterland dabei keinen Schaden erleide“ (M. L. Anderson: Windthorst, 1988, S. 175).

Klerus wie Gläubige ignorierten die Gesetze, was zur Folge hatte, dass Priester, die ohne Zustimmung des Staates seelsorglich tätig wurden, ver- haftet oder vertrieben wurden. Der Entzug der staatsbürgerlichen Rechte und die Vermögenskonfiszierung waren der Gipfel der Verfolgung. 1876 befanden sich die meisten preußischen Bischöfe im Gefängnis oder Exil, 1880 war fast ein Viertel aller Pfarrstellen unbesetzt. Doch ließ sich die Kirche nicht „aushungern“, Bismarck hatte nicht mit dem Widerstand der „Massen“ gerechnet. Hatte das Zentrum 1871 mit 63 Sitzen nur halb so viele Mandate wie die Nationalliberalen, so errang es in zehn Jahren 100 Mandate. Das Zentrum wurde stärkste Fraktion, ein Platz, den es bis 1912 verteidigen konnte.

 

Soziale Verantwortung in der Praxis

Der Kulturkampf band die Kräfte des Zentrums. Für sozialpolitische Initiativen blieb nur wenig Raum, zumal in dem von wirtschaftsliberalen Parteien dominierten Reichstag. Andererseits bot die Soziale Frage ein Politikfeld, auf dem man beweisen konnte, dass man nicht nur „Kirchenpartei“ war. Dies wiederum führte zu innerparteilichen Kontroversen, waren im Zentrum doch Abgeordnete verschiedenster Schichten und Anschauungen vertreten.

Dennoch gelang es, mit dem „Antrag Galen“ vom März 1877 einen Meilenstein zukunftweisender Sozialpolitik einzubringen. Gefordert wurden: Schutz der Sonntagsruhe, Schutz des Handwerkerstandes, Schutz der Fabrikarbeiter, insbesondere Vorgaben für die Fabrikordnungen, Verbot der Arbeit von Jugendlichen unter 14 Jahren, Beschränkung der Frauenarbeit, Einführung gewerblicher Schiedsgerichte unter Mitwirkung freigewählter Arbeitervertreter.

Die Reichstagsmehrheit brachte den Antrag zu Fall, zum einen, weil er ständisch-organische Ordnungsideen enthielt, die mit der modernen Gesellschaft unvereinbar waren, zum anderen, weil man die Sozialfürsorge weiterhin dem freien Spiel der Kräfte

überlassen wollte. Manche Unternehmer zeigten sich allerdings so verantwortungsbewusst, „ihren“ Arbeitern den „gerechten Anteil“ am Arbeitsergebnis zukommen zu lassen – die Auffassungen über das, was gerecht sei, gingen allerdings weit auseinander.

Carl Ferdinand von Stumm-Halberg (1836–1901), führender Industrieller des Saarreviers und freikonservativer Reichstagsabgeordneter, pries sein „System Stumm“ als Modell. Die „Allgemeine Arbeitsordnung für das Neunkircher Eisenwerk“ von 1890 zeigt den fürsorglichen, aber strengen Paternalismus des evangelischen Christen. Er setzte nicht nur militärische Disziplin bei der Arbeit durch, sondern griff mit großer Selbstverständlichkeit auch ins Privatleben ein: von der Heiratserlaubnis bis zum Lektüreverbot von Tageszeitungen reichte der Arm des „Herrn im Hause“. Dass politische Betätigung untersagt war, versteht sich von selbst. Für den Tribut des absoluten Gehorsams genossen die Arbeiter die innerbetriebliche Fürsorge wie Kranken- und Altersvorsorge, Wohnungsbau und betriebliches Schulwesen. Beteiligung der Arbeiter in Form von Selbstverwaltung war im Stummschen Betrieb undenkbar.

Ein völlig konträres Konzept praktizierte der katholische Textilverleger Franz Brandts (1834–1914) in seiner Mönchengladbacher Fabrik. Seine erste Sozialeinrichtung von 1871 war eine Betriebskrankenkasse, in die die Arbeiter einzahlen mussten und Brandts einen Zuschuss von 50 Prozent gab. Die Verwaltung oblag neben ihm selbst und einem Obermeister vier frei gewählten Arbeitern. Aus diesem Kassenvorstand entwickelte sich binnen eines Jahres ein „Ältestenkollegium“, das sich um Arbeiterbelange kümmerte. 1880 gab es neben einer Sparkasse, einer „Speiseanstalt“, einer Badeeinrichtung und einem Instrumentalverein auch ein Hospiz, in dem die Arbeiterinnen während der Arbeitszeit in Hauswirtschaft unter- richtet wurden.

Im Mai 1880 wurde von katholischen Unternehmern der Verein „Arbeiterwohl“ gegründet. Brandts übernahm den ersten Vorsitz, der Sozialreferent des Zentrums, Georg von Hertling, den zweiten; Sitz des Vereins wurde Mönchen-Gladbach. Ziel war, „die zerstreuten Glieder der katholischen sozialen Tätigkeit“ zu sammeln und die „religiöse, sittliche und wirtschaftliche Hebung des Arbeiterstandes“ zu fördern. Der frisch eingestellte Generalsekretär des Vereins, Kaplan Franz Hitze (1851–1921), überarbeitete die Brandtsche Fabrikordnung: Die vielfältigen Aufgaben wie Streit schlichten und Vergehen bestrafen, aber auch Beratung der Fabrikleitung übernahm nun ein sechsköpfiger Arbeitervorstand, in dem auch Frauen saßen. Später konnte auch die Lohnfrage im Ältestengremium behandelt werden. Die Fabrikordnung wurde in der Verbandszeitschrift publiziert; Brandts proklamierte ein partnerschaftliches Verhältnis: „Wir dürfen nicht die berechtigte Selbstständigkeit der Arbeiter verkümmern lassen. Keine enge Bevormundung darf Platz greifen in den Dingen, die von den Arbeitern allein geführt werden können. Durch Zugabe der weitgehendsten Selbstverwaltung bei Krankenkassen, Unterstützungs- und Sparkassen, geselligen Verbindungen und was immer, wollen wir den Arbeitern zeigen, dass wir ihre Freiheit und Selbstständigkeit achten, während wir uns in dem Recht, unsern Einfluss zur Wahrung der guten Sitten geltend zu machen, nicht beirren lassen“ (Zeitgeschichte in Lebensbildern, Bd. 3, 1979, S. 97).

 

Sozialistengesetze

Andere Wege beschritten die Sozialdemokraten. Das Parteiprogramm der 1875 in Gotha gegründeten „Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands“ erstrebte „mit allen gesetzlichen Mitteln den freien Staat und die sozialistische Gesellschaft, die Zerbrechung

des ehernen Lohngesetzes..., die Beseitigung aller sozialen und politischen Ungleichheit“. Bismarck waren Programm und Agitation der Sozialdemokratie verhasst. Mit Hilfe der Liberalen und Konservativen brachte er das „Gesetz zur Abwehr der gemeingefährlichen Bestrebun- gen der Sozialdemokratie“ durch.

Die Katholiken sahen in der Sozialdemokratie gleichfalls eine große Gefahr, da sie die Entchristlichung der Arbeiter als offiziellen Programmpunkt vertrat und betont antireligiös agitierte. Doch obwohl das Zentrum scharfer Gegner der sozialdemokratischen Ideologie war und überdies Rom wünschte, es möge Bismarck entgegenkommen, stimmte es 1878 gegen das Ausnahmegesetz: „Nur durch große sittliche Momente kann man das Volk zur Umkehr bringen, durch den Polizeistock niemals“ (Windthorst). Bei späteren Verlängerungen des Gesetzes stimmten einige Zentrumsabgeordnete allerdings doch zu.

Die Verfolgung traf alle selbstständigen Arbeitervereine und Gewerkschaften, auch die christlich-sozialen Vereine. Versammlungen wurden ebenso verboten wie Presseorgane; bis 1890 wurden rund 1500 Personen verhaftet und 900 des Landes verwiesen.

 

Sozialgesetze

Da die materielle Not nicht zu leugnen war, sollten die Arbeiter nun durch eine Sozialgesetzgebung den Staat als „wohltätige Einrichtung“ erfahren. Eine „Kaiserliche Botschaft“ kündigte 1881 entsprechende Maßnahmen an. Unter den Katholiken, sowohl auf den Katholikentagen als auch im Zentrum, entbrannte ein Streit um die richtige Fürsorge: christliche Caritas, liberales Versicherungsprinzip oder Wohlfahrtsstaat. Georg von Hertling wandte sich als Sprecher des Zentrums gegen „Staatssozialismus“. Er forderte, dass der Arbeiter „mit Ehren Pensionär der Industrie“ sein und nicht abhängig von „staatlichen Almosen“ werden solle. Nach langem Ringen wurden die Gesetzesvorlagen Bismarcks mit Hilfe des Zentrums verabschiedet. Die Sozialversicherungsgesetze gegen finanzielle Not bei Krankheit (1883, Beiträge: Arbeiter 2/3, Arbeitgeber 1/3), Unfall (1884, Beiträge: nur Arbeitgeber) sowie Invalidität und Alter (1889, Beiträge: Arbeiter und Arbeitgeber gleich hoch, plus Staatszuschuss) galten als beispielhaft in Europa.

 

Befriedung nach 20 Jahren

In seinem Kampf gegen die Sozialdemokratie war Bismarck schließlich zum „geordneten Rückzug“ gezwungen. Die Sozialgesetzgebung hatte die Anhänger der Sozialdemokratie nicht zufriedenstellen können. Bis 1890 konnte die SPD ihre Mandate verdreifachen.

Auch beim Kulturkampf musste Bismarck ab 1876 stufenweise einlenken. Bis Mitte der 1880er Jahre hatte das Zentrum einige kleinere Erleichterungen erreichen können. Doch dann wurden die Katholiken und ihre parlamentarische Vertretung von Bismarck und der Kurie beiseite geschoben. Nachdem sich das Zentrum verschiedenen Forderun- gen Papst Leos XIII. (1878- 1903) verweigert hatte, Bismarck zu unterstützen (insbesondere im Streit um den Militärhaushalt), lag die Kluft zwischen bürgerlich-parlamentarischer Rechtsauffassung und dem vorkonstitutionellen Gebaren frei zu Tage. Rom konnte „Sonderrechte“ erreichen, nahm dafür den Fortbestand einiger Gesetze in Kauf, so die Zivilehe, die Schulaufsicht, das Jesuitenverbot (bis 1917), die Anzeigepflicht bei Stellenbesetzung, den Kanzelparagraphen. Die Rückkehr zur verfassungsrechtlich abgesicherten Grundlage für die allgemeine Religions- und Kirchenfreiheit war damit vorerst verbaut.

Immerhin konnte die Versöhnung der katholischen Bevölkerung mit dem preußischen Staat beginnen. Ab den 1890er Jahren bekam das katholische Verbandswesen neuen Schwung, die Enzyklika „Rerum novarum“ gab dem sozialen Engagement seinen Segen – doch mit dem Fortfall der existentiellen Bedrohung brachen nun die schwelenden Spannungen innerhalb des sozialen und politischen Katholizismus auf.

Sozialbewegung – Teil 2

Sozialbewegung – Teil 4

Sozialbewegung – Teil 1

BR-Begleitmaterial

Das Bayerische Fernsehen hat den Dokumentarfilm „Kolping“ gesendet und dazu Begleitmaterial herausgegeben, auch für den Schulunterricht.

Hier zu den Begleittexten

Kolping – der Publizist

Adolph Kolping war nicht nur Gesellenvater, Sozialreformer, Pädagoge und Pionier der Erwachsenenbildung, sondern zugleich auch einer der erfolgreichsten katholischen Publizisten.

Weitere Infos

Was würde Kolping heute tun?

Was würde Adolph Kolping heute – 200 Jahre nach seiner Geburt – in meiner Stadt tun? – Einige Gedankenanstöße.

Hier zum Beitrag