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Peter Reichensperger (links), Franz Joseph Buß (rechts). Abb.: Archiv

1. Frühindustrialisierung und erste Sozialreform

Franz Joseph Ritter von Buß gibt eine neue Antwort auf eine neue Frage

Zehn Jahre nach dem ersten sozialreformerischen Programm und 57 Jahre vor ihrem Verbot legte Peter Reichensperger (1810-1892) den Finger auf die schmerzhafteste Wunde der industriellen Revolution: die Kinderarbeit.

„Oder ist es wohl zu viel gesagt, dass für jene unglücklichen, hülflosen Geschöpfe das Leben ein Fluch, ja eine Hölle ist, wenn man bedenkt, dass sie nie die unschuldigen Freuden der Kindheit getheilt, nie einen Vater oder eine Mutter anders, als dem Namen und der Furcht nach gekannt, da auch diese letztern ihr elendes Leben nur in den Fabriken und abwechselnd in den Stätten der thierischsten Ausschweifung zugebracht; – dass ihrer zartesten Jugend im glücklichen Falle anstatt der mütterlichen Liebe und Pflege die Aufnahme in einem Asylsaale zu Theil geworden, und dass sie diesen letzern kaum fünf oder sechs Jahre alt mit den verpesteten Räumen einer Fabrik vertauschen mussten, um inmitten einer tief entsittlichten, aus Personen jedes Geschlechtes und Alters bestehenden Genossenschaft zwölf, 15, ja nicht selten 18 Stunden lang (!!) in einem mit Fett- und Wasserqualm und den noch entsetzlichern Ausdünstungen der Mitarbeiter erfüllten, erstickend heißen Raume Wolle oder Baumwolle zu bearbeiten, oder in einem Websaale die zerrissenen Fäden anzuknüpfen, – und endlich am späten Abend nach einem hastig verschlungenen, elenden Mahle erschöpft und betäubt auf ein unreines, hartes Lager niederzusinken, von dem sie schon mit dem grauen Morgen nach kaum wiederhergestellten Kräften zur nämlichen Arbeit wie- der aufgeschreckt werden.

Kann ein solch bejammerungswerthes Geschöpf anders, als seinem Daseyn und seinem Schöpfer fluchen, da es in jenen Brutnestern aller Korruption ohnehin nur fluchen, aber nicht beten gelernt hat...” (Die Agrarfrage aus dem Gesichtspunkte der Nationalökonomie, der Politik und des Rechts [1847]).

Nachtseite der Revolution

Die Soziale Frage gehört mit den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und auch religiösen Problemen zur Nachtseite der industriellen Revolution. Mit diesem Begriff bezeichnet man die gravierenden sozialen, wirtschaftlichen und technischen Umbrüche seit dem frühen 19. Jahrhundert. Drei Hauptübel kennzeichnen die Frühindustrialisierung:

1. Die Arbeitsbedingungen: extrem hohe Arbeitszeiten, oft Sonntagsarbeit, Kinder- und Frauenarbeit, unhygienische und gefahrvolle Betriebsabläufe.

2. Die Lohnfrage: der Lohn nach Angebot und Nachfrage, Koalitionsverbot, die „Niedriglohngruppen“ Frauen und Kinder.

3. Die mangelhafte soziale Sicherung der Arbeiterschaft bei Krankheit, Invalidität, Alter, Schwangerschaft und Arbeitslosigkeit.

Diese bedrückenden Zustände hatten viele Ursachen, und nur allmählich konnten die Anwälte der „Proletairs“ – wie die neue Klasse genannt wurde – Erleichterungen und Teilhabe am wirtschaftlichen Zuwachs und politische Emanzipation durchsetzen. Denn die traditionell ständisch und agrarisch geprägte Gesellschaft wurde von der kapitalistisch-industriellen Gesellschaft eines modernen, nationalstaatlichen Europas abgelöst. Die Wechselwirkung verschiedener Faktoren erzeugten nebeneinander Not und Freiheit, Elend und Aufschwung, Entwurzelung und Emanzipation, Depression und Hoffnung.

Befreit und auf sich gestellt

Zwischen 1750 und 1850 war die Bevölkerung Europas von etwa 150 auf 265 Millionen (Mio.) Menschen gewachsen; in den deutschen Ländern lebten 1816 etwa 24,8 Mio., 1865 bereits 39,5 Mio. Menschen (+ 59,3 Prozent). Weder Landwirtschaft noch Handwerk konnten im Rahmen der alten Agrarverfassung und Zünfte eine ausreichende Lebensgrundlage bieten. Die Deklassierten der alten ständischen Ordnung hatten schon im 18. Jahrhundert eine stetig wachsende Unterschicht gebildet. Landstreicher, entlassene Söldner, verarmte Kleinbauern sowie Handwerker, fahrendes Volk, Prostituierte und verjagte Schulmeister waren auf Almosen der Kirchen und Kommunen angewiesen. Diese Art Caritas war jahrhundertelang üblich, konnte aber die aufkommenden Massen nicht mehr bewältigen.

Es entstanden kommunale Arbeits- und Armenhäuser, die mit den neuen privaten Manu- fakturen zusammenarbeiteten, in denen die arbeitsfähigen Bettler zwangsverpflichtet wurden. Neben dem Zweck, die Entwurzelten zu „nützlichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft“ zu erziehen, stand die Absicht, den ungeliebten (vor-)industriellen Werkstätten die notwendigen Arbeitskräfte zuzuführen. Die Trennung von Wohn- und Arbeitsstätte und die Arbeitsbedingungen dieser Häuser schreckte jeden anderen ab.

Im Übrigen liegt hier eine Wurzel der industriellen Kinderarbeit: Vielfach wurden Manufakturen auch in Waisenhäusern betrieben. Diese Anfänge prägten für Jahrzehnte die Haltung zu den Besitzlosen. Sie waren Objekte strenger Erziehung, Fürsorge und Bevormundung.

Neben der Bevölkerungsexplosion sind wirtschaftliche Reformen ursächlich für die Auflösung der feudalen Ordnung. Die Bauernbefreiung in den deutschen Ländern zwischen 1765 und 1850 (1807 in Preußen) brachte nicht nur die Abschaffung von persönlichen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten wie Bindung an die Scholle, Erbuntertänigkeit, Eheerlaubnis durch den Gutsherrn usw., sondern schaffte zugleich die Fürsorgepflicht Letzterer ab.

Für die Befreiung von Dienst- und Abgabepflichten war den ehemaligen Herren sogar eine Entschädigung zu zahlen, was viele Bauern in den Ruin trieb. Ähnlich zweischneidig wirkte sich die Aufhebung des Zunftwesens durch die Gewerbefreiheit aus. Wurden bis dahin von den einzelnen Zünften die Anzahl der Betriebe, Gesellen und Lehrlinge sowie Produktionsmethoden, Rohstoffbezug und Absatzmärkte statisch geregelt, so dynamisierte die neue Berufs- und Niederlassungsfreiheit das Handwerk und die technischen Entwicklungen. Damit erwuchs den alten Handwerkern eine nie gekannte Konkurrenz von „zunftfremden“ Handwerkern, ebenso von Manufakturen und Fabriken. Mit der Zunftordnung verschwanden auch die Unterstützungskassen der Zünfte ersatzlos. Was die Wirtschaftsordnung anbelangt, bezog der Staat den liberalen Standpunkt: „Jeder ist seines Glückes Schmied“.

 

Freieste Konkurrenz

In einer Instruktion für die Preußischen Provinzialregierungen vom 26. Dezember 1808 heißt es: „Es ist dem Staate und seinen einzelnen Gliedern immer am zuträglichsten, die Gewerbe jedesmal ihrem natürlichen Gang zu überlassen, d. h.: keine derselben vorzugsweise durch besondere Unterstützung zu begünstigen und zu heben, aber auch keine in ihrem Entstehen, ihrem Betriebe und Ausbreiten zu beschränken. ... Man gestatte daher einem jeden, solange er die vorbemerkte Grenzlinie hierin nicht verletzt, sein eigenes Interesse auf seinem eigenen Wege zu verfolgen und sowohl seinen Fleiß als sein Kapital in die freieste Konkurrenz mit dem Fleiße und Kapitale seiner Mitbürger zu bringen. Es ist falsch, das Gewerbe an einem Ort auf eine bestimmte Anzahl von Subjekten einschränken zu wollen; niemand wird dasselbe unternehmen, wenn er dabei nicht einen Vorteil zu finden glaubt; und findet er diesen, so ist es ein Beweis, dass das Publikum seiner noch bedarf; findet er ihn nicht, so wird er das Gewerbe von selbst aufgeben.“ (nach H. Lampert: Sozialpolitik [1980], S. 60 f.)

Mit dem deutschen Zollverein (1834) entstand aus den politisch zersplitterten 39 Staaten Deutschlands eine Wirtschaftseinheit. Die letzten inneren Zollgrenzen fielen, während man nach außen gemeinsame Schutzzölle forderte, um vor allem die englische Konkurrenz billiger Tuche von der eigenen Textilindustrie fernzuhalten.

Nun konnten sich nahezu ungehemmt unternehmerische Initiativen und technische Entwicklungen ausbreiten. Neue Produktionstechniken wie Spinnmaschinen, mechanische Webstühle, Verfahren zur Eisengewinnung sowie der Ausbau der Transportwege durch Dampfschifffahrt und Eisenbahn beschleunigten den Umbau des sozialen Gefüges.

Die Industriezentren zogen Scharen von Bauern und Handwerkern aus den verarmten Regionen an, die Großstädte expandierten, ohne zureichenden Wohnraum zur Verfügung zu stellen; das familiärsoziale Netz war zertrennt, die religiöse Bindung ging für viele verloren. Zu den ohnehin verarmten Unterschichten gesellte sich die Massenarmut der Arbeiterschaft. Die Neuartigkeit dieses Pauperismus wurde lange nicht erkannt.

Buß – seiner Zeit voraus

An England, dem „Mutterland“ der Industrialisierung, studierte nicht nur Karl Marx die Vor- und Nachteile des neuen Wirtschaftssystems, sondern auch Franz Joseph Buß (1803-1878). Sohn einer eher ärmlichen, katholischen Schneiderfamilie aus dem Schwarzwald, der aufgrund seiner Begabung studieren konnte, befasste er sich als Professor für Staatswissenschaft mit der Situation seiner Zeit.

Als jüngster Abgeordneter des Badischen Landtags suchte er mit seinen Analysen und Vorschlägen die soziale Ordnung zu beeinflussen. Während weite Teile beider Kirchen das Elend als Folge der Entchristlichung der Gesellschaft, insbesondere der Arbeiter selbst, auffassten und in althergebrachten Kategorien von Caritas und erzieherischen Zwangsmaßnahmen das Heilmittel suchten, erkannte Buß die neue Qualität der Massenarmut.

Er verband liberal-aufklärerische Ideen seiner Studienzeit mit organischen Gedanken, um einen Ausgleich zwischen Landwirtschaft, Handwerk und Industrie herbeizuführen. Ziel war ein „geläutertes Innungswesen“.

Seine Jungfernrede, die „Fabrikrede“ von 1837, ist die erste sozialpolitische Ansprache in einem deutschen Parlament. Elf Jahre vor dem Kommunistischen Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels formulierte Buß einen sozialen Forderungskatalog, der noch 1904 von dem Sozialisten August Bebel als Grundstein parlamentarischer Arbeiterpolitik zitiert wurde. Zunächst hebt Buß die Vorteile der neuen „Gewerbsbetriebsamkeit“ hervor: Mehrung des allgemeinen Wohlstandes, Angebot hochwertiger und billiger Waren, wirtschaftlicher Aufschwung in unfruchtbaren Regionen und Zuwachs an Arbeitsplätzen. Dann widmet er sich den Nachteilen: Arbeitslosigkeit durch Einführung neuer Maschinen, fehlende berufliche Fortbildung; gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen; mangelnde Geistesbildung der Jugend, womit jede Hoffnung auf eine bessere Zukunft obsolet ist; völliges Fehlen eines sittlich-religiösen Haltes, zerstörtes Familienleben, Trunksucht.

„So von allen Seiten zurückgedrängt, genießt der Fabrikarbeiter nicht einmal eine rechtliche und politische Sicherstellung. Das Fabrikwesen erzeugt eine Hörigkeit neuer Art. Der Fabrikarbeiter ist der Leibeigene eines Brotherrn, der ihn als nutzbringendes Werkzeug verbraucht und abgenützt wegwirft. ... Der Fabrikarbeiter ist aber nicht bloß der Leibeigene eines Herrn, er ist der Leibeigene der Maschine, die Zubehörde einer Sache. So muss die gefeierte Gesittung unserer Tage gleichsam als Sühne für ihre Bändigung der Natur die Knechtschaft einer ganzen Menschenklasse erlegen.“ (Franz Joseph von Buß, hg. von F.J. Stegmann [1994], S. 39).

Buß nimmt den Staat in die Pflicht, das „drohende Übel zu verhüten“ oder wenigstens zu bändigen, und fordert eine „Fabrikpolizeyordnung“ mit Beschränkung der Arbeitszeit, zumal für Kinder, Fabrikinspektion, Verbot des Trucksystems, Regelung der Rechte des „Fabrikherren“, Einrichtung von Kranken- und Unfallversicherung sowie von Sparkassen, Volksschulpflicht, berufliche ebenso wie religiös-sittliche Bildung und schließlich Gründung von Arbeitervereinen. Die engagierte Rede findet im Landtag wohl Beifall, versandet aber in der zuständigen Kommission.

Doch hatte Buß mit seinem sozialpolitischen Ansatz als erster eine Antwort „auf die moderne Staats- und Wirtschaftsentwicklung“ formuliert und so die „katholische Sozialreform“ eingeleitet (R. Lange: Franz Joseph Ritter von Buß und die soziale Frage seiner Zeit [1955], S. 107).

Die preußische Regierung erließ 1839 mit dem „Regulativ über die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Fabriken“ ein erstes Arbeiterschutzgesetz. Die Beschäftigung von Kindern unter neun Jahren wurde verboten, bis zu einem Alter von 16 Jahren durfte die Arbeitszeit zehn Stunden nicht überschreiten, Nacht-, Sonn- und Feiertagsarbeit wurden untersagt. Kontrolliert wurde praktisch nicht. Anlass des Regulativs war die Feststellung, dass die „Fabrikjugend“ wehruntauglich war.

Sozialbewegung – Teil 2

BR-Begleitmaterial

Das Bayerische Fernsehen hat den Dokumentarfilm „Kolping“ gesendet und dazu Begleitmaterial herausgegeben, auch für den Schulunterricht.

Hier zu den Begleittexten

Kolping – der Publizist

Adolph Kolping war nicht nur Gesellenvater, Sozialreformer, Pädagoge und Pionier der Erwachsenenbildung, sondern zugleich auch einer der erfolgreichsten katholischen Publizisten.

Weitere Infos

Was würde Kolping heute tun?

Was würde Adolph Kolping heute – 200 Jahre nach seiner Geburt – in meiner Stadt tun? – Einige Gedankenanstöße.

Hier zum Beitrag