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Der Gesellenverein (1848/49)

"Zur Beherzigung für alle, die es mit dem wahren Volkswohl gut meinen"

 

( ... ) Man richte nur in allen Städten, wenn nicht in allen größeren Gemeinden, einen freundlichen, geräumigen Saal ein, sorge an Sonn- und Feiertagen wie am Montagabend für Beleuchtung und im Winter für behagliche Wärme dazu und öffne dann dies Lokal allen jungen Arbeitern, denen es mit ihrem Leben und ihrem Stande nur immer ernst ist. Da die jungen Leute, die der Einladung folgen, Gemeinsames mit ziemlich gleichen Kräften wollen, bilden sie dadurch einen Verein, für dessen Bestehen und Gedeihen ein Vorstand von achtbaren Bürgern, die dem guten Zwecke zu dienen entschlossen sind, zu sorgen hätte und an dessen Spitze ein Geistlicher stehen soll, der dieser Stelle mit all der persönlichen Hingebung und Aufopferung vorzustehen hat, welche sein heiliges, gerade dem Volke gewidmetes Amt und die gute Sache erheischen. je nützlicher und angenehmer, je freier und würdiger der Aufenthalt in dem Vereinslokal für die jungen Leute gemacht wird, um so größer wird die Teilnahme sein, um so fester werden sie bei der guten Sache halten. Da dürfte es nicht an guten Büchern, Schriften und Zeitungen fehlen, nicht bloß, die das religiöse Interesse vertreten, sondern die auch, was ja nicht zu übersehen wäre, dem bürgerlichen Leben gelten, die gewerbliche Gegenstände behandeln und, soviel wie möglich, jedem Handwerker von Nutzen sein können.

Dazu muss das lebendige Wort treten. Da wäre die Gelegenheit günstig, die Religion als die Grundlage des Volks- und Menschenglückes wieder anzubauen und den Herzen nahezubringen wie überhaupt auf alle Lebensverhältnisse einzugehen, die den Gesellen berühren und deren Besprechung ihm von überaus großem Interesse sein müsste. Wenn man einesteils dahin zu wirken hätte, die jungen Leute mit nützlichen und angenehmen Kenntnissen aus allen ihnen zugänglichen und passenden Gebieten des Wissens zu bereichern, würde man von der anderen Seite sie warnen, führen und leiten können auf den Wegen, die sie gegenwärtig wandeln. Erfahrung und Beispiel würden eindringlicher durch das lebendige Wort wirken. Klar und unablässig könnte man ihnen ihren wahren Beruf, ihr echtes Lebensziel vor Augen halten wie die Mittel besprechen, dies Ziel auf die sicherste Weise zu erreichen. Tüchtige Bürger sollen sie werden, zu tüchtigen Bürgern muss man sie erziehen. Ein tüchtiger Bürger muss ein tüchtiger Christ und ein tüchtiger Geschäftsmann sein, nun, dann muss man der betreffenden Jugend wenigstens insoweit zur Hand gehen, dass sie beides werden kann.

Tüchtige Bürger gedeihen aber nur in einem tüchtigen Familienleben. Wenn das für unsere Jugend anderwärts fehlt - und dass es fehlt, wissen wir alle sehr gut -, dann suchen wir unseren jungen Leuten durch einen solchen Verein wenigstens annähernd die Vorteile zu gewähren und darauf mit allen Kräften hinzuwirken, dass diejenigen, welche sich um uns scharen, einst eine bessere, an Leib und Seele gesündere Generation in besserem Familienleben erziehen. Unendlich reich und mannigfaltig ist das gewöhnliche bürgerliche Leben, und tausend Seiten bietet es dar, die der belehrenden, zurechtweisenden, züchtigenden und freundlich weisenden, gar heiteren Betrachtung Stoff bieten. Nichts dürfte da verschmäht werden, keine Freude, kein Leid; in allem liegt ein Keim, oft sogar ein reicher Fonds des Guten, den man nicht zertreten, nicht wegwerfen dürfte, weil vielleicht der Missbrauch sich desselben entstellend bemächtigt hat.

Das Volksleben hat, seit man die Kirche ihm immer mehr zu entfremden gesucht, gar keine erziehende Pflege gefunden, und wenn es vielfach verwilderte oder abstarb, ist das unter gegebenen Umständen wohl nicht anders möglich gewesen. An die Stelle der Kirche hat sich zwar die Polizei zu setzen gewusst, indes ist und bleibt diese doch die schlechteste Volkserzieherin, die es nur geben kann. Die Zeitungen liefern uns gegenwärtig dazu die nötigen Belege. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo dies Volksleben, nachdem es die unnatürlichen Bande gesprengt, welche kurzsichtige Weisheit mit Gewalt ihm angelegt, wieder frisch und fröhlich emporblühen soll und will. Hoch und wild bäumt es sich zwar auf, böse Kräfte und Säfte haben sich unter langjährigem Druck gesammelt, die nun in leidenschaftlichem Streit sich zu entzünden drohen. Aber nichtsdestoweniger liegt noch gesunde Kraft im Volke, nur muss sie bewahrt, gepflegt, gemehrt werden, indem das Wilde und Schlechte mit sorgsamer, freundlicher, aber fester Hand ab- und ausgeschieden wird.

Das könnte füglich durch einen solchen Verein geschehen. Je klarer und einfacher nämlich diesen Leuten mit ihrem meist guten Willen und gesunden Verstande die Wahrheit gesagt wird, je schonender man das Leben in allem Zulässigen behandelt, ihre Freuden wie ihr Leid auf den wahren Wert zurückführt, je fester man hinwieder bei dem einmal erkannten Guten verharrt, um so lieber nehmen sie das Gute an, um so williger lassen sie sich lenken und leiten, um so schonungsloser darf man dem wahrhaft Schlechten zu Leibe gehen. Ist dann erst das Bewusstsein des Besseren geweckt, werden sich die Herzen dem Guten wieder mit doppelter Freude öffnen.

(Kolping Schriften 3, S. 53 f)