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5. Die Elberfelder Zeit

 

Nach empfangener Priesterweihe eilte Kolping zu den Seinen nach Kerpen. Zunächst hatte er die schmerzliche Pflicht, den Vater zu bestatten, dann die wonnevolle, sein erstes Messopfer Gott darzubringen. Die Freude, die eine feierliche Primiz zunächst dem Neugeweihten, der Familie und den Freunden desselben und in weiterer Linie der ganzen Pfarrgemeinde bringt, der das Glück beschieden ist, einen ihrer Söhne am Altar zu sehen, war, wie bemerkt, durch den unmittelbar vorangegangenen schmerzlichen Verlust des braven Vaters eine umflorte. Es hatte im Plane Kolpings gelegen, in der festlichsten Weise sein erstes heiliges Messopfer darzubringen; es sollte sich die Feier zu einem großartigen, der göttlichen Vorsehung, die sich in Kolping so wunderbar erwiesen, darzubringenden Dankgottesdienste gestalten. Professor Dieringer aus Bonn hatte daher die Primizpredigt bereits Ende März zugesagt.

Kolping hielt ein feierliches Hochamt in Kerpen, und es verlief dabei alles genau so, wie der sterbende Vater es einige Stunden vor seinem Tode gesehen hatte. Während der kurzen Ferien predigte dann, wie es Neugeweihte gerne tun, der jungen Priester in seiner Heimatpfarre über den Text: „Du folge mir nach.“ Die sorgfältig ausgearbeitete Predigt behandelt die beiden Fragen: 1. Warum wir Christus dem Herren nachfolgen sollen, und 2. Worin hauptsächlich diese Nachfolge besteht.

Nunmehr begab sich Kolping auf seine Kaplansstelle nach Elberfeld, wohin er von der erzbischöflichen Behörde ernannt war. Seine reife Erfahrung und sein früherer langjähriger Umgang mit dem arbeitenden Volk empfahlen ihn der kirchlichen Obrigkeit besonders für die seelsorgliche Wirksamkeit in Elberfeld. Er rückte an die Stelle des Kaplans Frings, dessen Name im katholischen Deutschland den besten Klang hat. Wie sein Vorgänger wurde auch Kolping Religionslehrer für die katholischen Schüler des Gymnasiums.

In der in so mancher Hinsicht wichtigen Stellung sollte Kolping jetzt vier Jahre nach allen Seiten hin tätig sein. Elberfeld ist eine der Städte am Niederrhein, die durch ein schnelles Anwachsen aus unbedeutenden Orten sich zu Großstädten im vollsten Sinne des Wortes heraufgearbeitet haben. Mit der Bevölkerungsziffer schwoll auch die Zahl der Katholiken von Jahr zu Jahr gewaltig an und verlangte die Pastoration derselben von den Pfarrgeistlichen schwere, opfervolle Arbeit. Kolping fand also in Elberfeld ein seine Kraft vollauf in Anspruch nehmendes Arbeitsfeld. Es liegen uns u.a. 87 vollständig ausgearbeitete Predigten vor, bis zum letzten Wort in der ihm eigenen höchst zierlichen Handschrift zu Papier gebracht; dieselben sind bei den verschiedensten Anlässen gehalten und befinden sich darunter neben gewöhnlichen Sonn- und Festtagspredigten zwei Zyklen für die Fastenzeit, mehrere für die Andacht der Bruderschaft vom guten Tod usw. Schon damals zeigte sich Kolping als Meister in der höheren Homilie, in der er sich bis an sein Lebensende auszeichnete.

Es ging unserm Kaplan indes, wie es gar manchen neuen Priestern ergeht. Sie begeben sich auf ihre Stellen mit dem festen Entschluss, die freien Stunden mit theologischen und anderweitigen Studien getreulichst auszufüllen. Jedoch die Praxis mit ihrer ganzen, oft erdrückenden Wucht macht sehr bald ihre Rechte geltend, und es gehört ein höchst strebsamer Geist und ein sehr fester Charakter dazu, um mit der kostbaren Zeit hauszuhalten und die wenigen Mußestunden, die den eigentlichen Berufsarbeiten abgerungen werden können, zur Fortbildung zu benutzen. Wenn das Vorhaben jedoch, trotz der besten Entschlüsse, selten gelingt, wenn das absolut und in erster Linie Notwendige das Erwünschte und Erhoffte fast immer zurückdrängt, wenn tausenderlei große und kleine Berufsarbeiten ermüden und fürs Studium ungelenk machen, dann zieht nicht selten eine gewisse Sehnsucht nach einer grünen stillen Insel, heiße sie nun Land-Kaplanei oder gar Kloster, durch die Seele eines abgehetzten Priesters. Wohl ihm, wenn er in solchen Momenten eines aufrichtigen Seelenfreundes nicht zu entraten braucht!

Auch Kolping fühlte in Elberfeld nicht selten ein heißes Sehnen nach Sammlung, Studium und den stillen Freuden der Einsamkeit. Er machte davon seinem Freunde Wollersheim mehrmals Mitteilung, und dieser sprach ihn brieflich Trost zu und richtete den sinkenden Mut auf. Einmal, als Kolping bereits längere Zeit in Elberfeld gewirkt hatte und schon im Jünglingsverein tätig war, schrieb Wollersheim ihm folgendes: ... Ich sehe, dass noch vieles von dem alten unruhigen und feurigen Kolping in Ihnen steckt, der bald zu hoch fliegen will und dann wieder sich zu tief hinabsinken lässt, bald die Welt aus ihren Fugen reißen will, bald wieder glaubt, für nichts zu taugen, als für ein Hüttchen in der Eifel; bald es mit Tausenden aufnehmen will, bald mit einem nicht fertig werden kann; bald begeistert ist von dem schönen Jünglingsverein, bald sich aus dem Wuppertale hinaussehnt. Wo liegt die Mitte? Lieber Freund, da, wohin Sie der gute Hirt gesetzt hat: zu Elberfeld, im Wuppertale. Was nützt alles Wünschen und Hoffen! Was hilft alles Jammern und Klagen? Es geht doch nur, wie Gott will. … Das Gebet wirkt mehr als unsere Arbeit. Aber diese muss darum nicht unterbleiben. Beides gehört zusammen, und was die Arbeit und Anstrengung oft nicht vermag, das vermag oft das Gebet. …“

Doch nun ist es an der Zeit, mit aufmerksameren Blicken die Wiege des Gesellenvereins in Elberfeld zu betrachten. Vorerst und vor allem gilt es jetzt, einen weit verbreiteten Irrtum, dem fast alle bisherigen Biografen Kolpings unterlagen, zu berichtigen. Die fast allgemein adoptierte Meinung ist die, Kolping habe in Elberfeld den Jünglingsverein gestiftet und aus diesem sei der Junggesellen- und in weiterer Folge der Gesellenverein entstanden. Es machte sich das so natürlich und es verstand sich einigermaßen so von selbst, dass man fest annahm, Kolping sei nach Elberfeld gegangen mit dem in seinem Geist nach allen Seiten hin erwogenen, längst gereiften Entschluss, einen Gesellenverein dort zu stiften; letzterer sei, wenn wir so sagen dürfen, wie nach antiker Sage Pallas vollständig gewappnet und ausgerüstet aus Jupiters Haupt entsprang, fix und fertig aus Kolpings Geist geboren worden. Die Tatsachen belehre uns freilich eines andern. Ist es eine der ersten Anforderungen, welche die Welt an einen Geschichtsschreiber stellt, dass er erstens nichts Falsches sage und zweitens nichts Wahres verschweige, so müssen auch wir, wie überall, so auch hier der Wahrheit die Ehre geben.

Wohl kannte unsere Elberfelder Kaplan die moralische Not des Handwerks mehr wie einer, und zwar aus eigener Anschauung, und gewiss hat er oft darauf gesonnen, wie ihr abzuhelfen oder sie wenigstens zu mildern sei. Gott hatte ihn wunderbar geleitet und mit den Eigenschaften eines Apostels für das Handwerk reich ausgestattet; die ersten Fäden des Vereins jedoch liegen nicht in seinen, sondern in anderen Händen. Wir werden, wenn wir dies jetzt zu zeigen uns anschicken, einen falschen Stein, den andere ihm in seine Ehrenkrone gefügt, ausbrechen, damit die wahren und echten Steine umso glänzender erstrahlen. Gott hat es so gewollt, dass Kolping, ehe er der „Vater“ des unter seiner Leitung sich in so erstaunlicherweise verbreitenden Vereins wurde, erst in fast untergeordneter Stellung an einer Verbrüderung sich beteiligte, die weder von ihm noch eigentlich von andern, sondern durch eine, wir dürfen es kühn aussprechen, wunderbare Verkettung von Umständen in der Hauptstadt des Wuppertales sich gestaltete. Man wird deshalb auch keinen Augenblick anstehen, wie die Ausbreitung, so auch die erste Grundlegung des Gesellenvereins auf nichts mehr und nichts weniger als auf die göttliche Providenz selber zurückzuführen.

Wir sprachen soeben von der Bedeutung, dem Wachstum und dem frischen kirchlichen Leben in Elberfeld. Wir müssen hier aber auch zusetzen, dass Elberfeld, wie früher schon, so besonders in den vierziger Jahren, ein recht fruchtbarer Boden für Sektenbildungen und Agitation gegen die katholische Kirche war. So kam denn auch, wie die älteren Leser sich noch gut erinnern werden, im Spätherbst 1844 der sogenannte Deutsch-Katholizismus dorthin. War er auch nur einen schwindsüchtiges Kind, so wurde er vielleicht gerade um deswillen von vielen Andersgläubigen gehätschelt, welche das Wesen und die Lebenkraft der von Gott gestifteten katholischen Kirche nicht kennen. Die Katholiken überhaupt, besonders aber die des schützenden Heims entbehrenden, zugewanderten katholischen Gesellen, waren mannigfachen Beeinträchtigungen, in den Arbeitsstätten und öffentlichen Lokalen mancherlei Anfeindungen, von Seiten der Presse in Tagesblättern und Flugschriften vielfachen Angriffen und durch die verschiedenartigsten Agitationen den größten Gefahren katholischen Glauben ausgesetzt. Der Wucht der Angriffe entsprachen aber auch die Abwehr und die Gegenmittel. unter der umsichtigen und energischen Leitung des erst vor einigen Jahren verstorbenen Pfarrers Friderici stand die Pfarrgeistlichkeit mit der Treue und Sorge guter Hirten auf ihrem Posten und neben ihr ein Kreis von erleuchteten, für die Ehre Gottes und das Wohl der Nebenmenschen zu jedem Wirken und Opfer bereiten Laien.

Am Fronleichnamsfeste des Jahres 1844 begab es sich, wie es in Elberfeld der Brauch war, die Kinder zum Empfange der ersten heiligen Kommunion in feierlichem, durch Fahnen und religiöse Sinnbilder verherrlichtem Festzuge von der Mädchenschule aus zur Pfarrkirche. Verfehlt eine solche Prozession unschuldiger Bräute Gottes nie des tiefen Eindrucks auf alle, die dieselbe ansehen, so brauchen wir uns nicht zu wundern, dass zwei wackere Gesellen, beide Schreiner von Profession, nämlich Georg Gerlach aus Stadtberge und (der im Jahre 1878 in Lippstadt verstorbene) Fritz Kamp aus Volmarshausen bei diesem Anblick aufs höchste ergriffen worden. Sie fassten den Plan, ihre katholischen Mitgesellen zu veranlassen, sich zu einer Korporation zusammen zu tun, und beschlossen, alles, was in ihren Kräften stehe, aufzubieten, um eine Marianische Bruderschaft zu gründen; diese sollte dann am nächst folgenden Feste des Kirchenpatrons, des heiligen Laurentius, dem Tage der großen Elberfelder Stadtprozession, bei derselben öffentlich auftreten. Natürlich dachten sie auch sofort an das, wofür, wie die Erfahrung zeigt, junge Leute zunächst schwärmen, nämlich an eine schöne Fahne. Sie begaben sich also zu den ältern Kaplan Herrn Steennaerts, der sie in ihren schönen Entschlüssen bestärkte und ihnen einen Aufruf zur Sammlung von Gaben für eine Fahne verfasste. Sie sammelten nun an Sonntagen bei den ihnen bekannten und zugänglichen katholischen Gesellen. Die Geistlichkeit half nach, der Pfarrer Friderici durch eine ansehnliche Gabe, Kaplan Steennaerts durch billige Besorgung der Stoffe, Kaplan Kolping durch Beschaffung der Ölbilder Sankt Josef und Sankt Aloysius von dem ihm befreundeten Maler Asselborn. Am Sonntag vor Sankt Laurentius im Jahre 1845 segnete der Pfarrer die Fahne und ermunterte die Gesellen zur Beharrlichkeit.

Inzwischen hatten die beiden Sammler die beitragenden Gesellen auch zur Einübung von Kirchenliedern für die Laurentius-Prozession auf die Werkstätte des Meisters Thiel eingeladen. Letzterer hatte schon früher aus eigener und fremder Erfahrung die großen Gefahren, die den katholischen Gesellen durch den Besuch von Versammlungen Andersgläubiger und durch den Verkehr auf den Handwerker-Herbergen drohten, kennengelernt und das Bedürfnis eines passenden Versammlungsortes für katholische Gesellen tief empfunden. Niemand war daher froher als er, als sich eine Anzahl Gesellen sonntags auf seiner Werkstätte einfand und dort einige unschuldig heitere Stunden bei einem Glase Bier und fröhlichem Gesang verbrachte, wobei er als Dilettant die Geige spielte. Auf seiner Werkstatt wurden denn auch die ersten Gesangsübungen für die Laurentius-Prozession abgehalten. Aber der Zufluss der Gesellen mehrte sich; schon nach der dritten Gesangsstunde war die Werkstatt zu klein, und man sah sich veranlasst, das Lokal des durch den Jakob Ermekeil gegründeten „Armen-Kranken-Vereins“ als Versammlungsort zu wählen. Dieses Lokal war die Schule des Lehrers Johann Gregor Breuer. 

Es machte einen tiefen Eindruck, als die Fahrkartengesellen bei der Prozession hinter ihrer stattlichen Fahne her schritten und ihre Gesänge ertönen ließen (am 6. August 1846). Schon früher hatte Breuer darauf hingewiesen, was die Gesellen bei der nächstjährigen Feier würden leisten können, wenn sie ihre bisherigen Übungen regelmäßig fortsetzen wollten. Es geschah, und immer mehr Gesellen fanden sich ein. Nun blieb es nicht beim bloßen Gesange, es schlossen sich Erzählungen, Vorlesungen, gemütliche Unterhaltung daran an. Kaplan Steenaerts hielt ihnen an den Sonntagen Vorträge. Sehr bald fand sich auch Kaplan Kolping ein und hielt Vorträge, vornehmlich an Montagen.

So entwickelte sich der Keim, den Gott und gute Menschen in die Herzen strebsamer Jünglinge gelegt, zwar still, aber in erfreulichster Weise. Regel und Ordnung machten sich wie von selbst und ohne geschriebene Statuten.

Durch den Umgang mit den in seiner Schule sich versammelnden Gesellen belehrt, wies Herr Breuer hin auf die Notwendigkeit der Fortbildung, der Stählung des Charakters, kernhafter Religionsität und Moralität, auch auf die Beschaffung eines Heims für die Zusammenkünfte, und sprach wiederholt über diese Punkte; er erbot sich zum unentgeltlichen Unterricht im Schreiben und Rechnen und verfasste im Oktober 1846 eine eingehende und ausführliche Denkschrift. Darin war die Notwendigkeit der Gründung von Fortbildungsanstalten, von christlichen Vereinen für Knaben, Mädchen, Jünglinge, Jungfrauen und vor allem andern eines „Gesellenvereins“ nachgewiesen, der zur Aufgabe habe, einheimischen und fremden Jünglingen und namentlich Handwerkergesellen und Lehrlingen in dem Alter von 18 bis 25 Jahren und darüber durch Vortrag und passende Lektüre Belehrung, Erbauung, Fortbildung, angenehme Unterhaltung und Erheiterung zu verschaffen. Hierzu sei erforderlich 1. ein passendes Lokal, 2. die Verbindung einiger für das Volkswohl begeisterter Männer, 3. eine sich allmählich vergrößernde Bibliothek und 4. Statuten. 

Die Denkschrift führte jeden dieser Punkte näher aus und fügte schon gleich ein „Statut des katholischen Gesellenvereins in Elberfeld“ im Entwurf bei. Bei einer gründlichen Beratung des Statuts durch Breuer, Kolping und Steenaerts auf dem Zimmer des letzten wurde der Ausdruck Gesellenverein umgeändert in Junggesellenverein, weil damals einzelne Mitglieder des Vereins nicht Gesellen im engsten Wortsinn waren.

Als Breuer im Anfang November dem Kaplan Kolping einen Besuch abstattete, kam dieser, die Breuersche Denkschrift in der Hand, ihm freudestrahlend entgegen und klopfte ihm auf die Schulter mit den Worten: „Da haben Sie aber ein Ding gemacht, voran ich all mein Lebtag gefreit.“ Er ahnte damals wohl noch nicht, dass nach Gottes Rat durch ihn dieses „Ding“ die rechte Gestalt gewinnen und durch ganz Deutschland und die benachbarten Länder getragen werden sollte.

Hier müssen wir bemerken, dass man von vorne herein darin einig war, dass nicht, wie ursprünglich beabsichtigt war, eine kirchliche Bruderschaft, sondern ein Verein nach Art des ins Leben getretenen not tue; dass man das Religiöse und Kirchliche, obwohl es die Grundlage und Lebenskraft aller Einrichtungen, also auch des Gesellenvereins, sein müsse, doch im äußern nicht zu sehr vorschieben dürfe und wolle, damit nicht solche, welche am meisten des Vereins bedürften, schon sogleich dagegen eingenommen würden. Es sollten den Gesellen keine bestimmten Andachtsübungen aufgelegt werden. So sind denn auch die gemeinsamen kirchlichen Übungen allmählich auf den dringenden Wunsch der Gesellen selbst in Aufnahme gekommen.

Aufgrund des oben erwähnten, von den drei mehrgenannten Männern nach allen Seiten hin durchgesprochenen Statuts fand am 6. November 1846 die Wahl eines Vorstandes statt. Die Stimmen fielen auf den ältern Kaplan Herrn Steenaerts als Präses. Unter dem Vorsitz des Präses wurden dann zwei Vorsteher gewählt, Lehrer Breuer als Sekretär und der oben genannte Jakob Ermekeil als Kassierer; ferner vier Assistenten oder Sammler. So war also der frühere Gesangverein in einen Junggesellenverein verwandelt.

In dem jungen Verein herrschte gleich anfangs ein sehr frisches, tätiges Leben. Von Beginn bis zum 15. November 1846 ließen sich bereits 61, von da ab bis 29. April 1847 41 Mitglieder einschreiben. Der Präses Steenaerts hielt, wie bemerkt, in der Regel an den Sonnabenden, Kolping, als ehemaliger Standesgenosse und Sohn des ehrbaren Schusterhandwerks von den Gesellen hoch geschätzt, an den Montagen Vorträge über den Handwerkerstand unmittelbar betreffende Dinge. Breuer, dessen große Verdienste um den Elberfelder Verein nicht gebührend genug anerkannt werden können, sorgte für alles Übrige, erteilte Unterricht im Gesang, Rechnen, Schreiben und sorgte für Lektüre und Unterhaltung. Daneben taten die Mitglieder des Vorstandes ihre volle Schuldigkeit. Es war ein wahrhaft herzerhebendes Leben in der kleinen Herde. Noch jetzt, wo der Elberfelder Mutter Verein das stattliche, im Jahre 1871 eingeweihte Gesellenhaus besitzt, behaupten die „Alten“, die heute noch zwischen unzähligen jungen Leuten dort aus- und eingehen, dass die erste Heimstätte, so eng und arm sie war, doch die vergnüglichste und traulichste für sie gewesen sei. 

Die gemeinsame Feier der sonn- und festtäglichen heiligen Messe, die viermalige gemeinsame heilige Kommunion, dass korporative Auftreten bei kirchlichen Feierlichkeiten, die Anregung zum Besuche kranker Mitglieder und zu anderen Werken der Bruderliebe, der Unterricht, die Vorträge, die Lektüre, der Gesang, der gegenseitige Austausch der Kenntnisse und Erfahrungen, die gemütliche Unterhaltung, kurz, alles vereinte sich, die Gesellen sowohl für Religion und Tugend, als auch für ihre geschäftliche Stellung und ihr materielles Fortkommen auszubilden.

Im Mai 1837 wurde Steenaerts Pfarrer von Wermelskirchen (später Pfarrer von Nettesheim, wo er am 1. Juni 1870 starb). Der Verein widmete dem Scheidenden ein herrliches Gedicht, verfasst von Breuer.

Die Wahl als Präses fiel nun auf Kolping. Wie es kam, dass er nicht, wie man hätte erwarten sollen, einstimmig gewählt ward, das wird jeder beantworten können, der Kolping gekannt hat. Kolping hatte, wie bereits bemerkt, bei aller Güte seines Herzens eine etwas eckige Außenseite, die sich hier und da in einer für diesen oder jenen empfindlichen Weise geltend machte. Wir finden dies nicht selten bei außergewöhnlichen Männern, namentlich bei solchen, welche Gott zur Erreichung von Zielen bestimmt hat, die nur durch zähe Energie und ausdauerndes Schaffen zu erringen sind. Ein edler Kern ist da oft von einer äußerlich etwas rauen Schale umschlossen; nur auf den edlen Kern zu schauen und die Ecken und Kanten unberücksichtigt zu lassen, ist nicht alle Leute Sache. Das ist die eine Antwort. Die andere nimmt, wie wir oben schon angedeutet, ihre Begründung aus den Ratschlüssen Gottes, der auch diesmal durchblicken zu lassen schien, dass ein Werk wie die Ausbreitung des Gesellenvereins in erster Linie Gottes, und erst in zweiter der Menschen Sache sei, auf dass wir alle in heiliger Demut verbleiben. Darum musste Kolping im Verein erst in untergeordnete Stellung verbleiben, um dann Präses zu werden, erst hinter andere zurücktreten, um dann in seiner vollen Bedeutung auf dem Plan zu erscheinen.

Mit dem Eifer eines Apostels widmete sich nun Kolping dem Amte, das ihm zugefallen war. Ein Ereignis, welches für die katholische Gemeinde Elberfeld unvergesslich bleiben wird, gab dem schönen Werke eine ganz besondere Förderung. Am 7. Juli 1847 geehrte der Erzbischof von Köln, Johannes von Geissel, Elberfeld für mehrere Tage mit seinem hohen Besuche zum Behuf der Konsekration der dortigen Kirche und zur Spendung der heiligen Firmung. Unbeschreiblich war die Begeisterung bei den Katholiken und teilte sich selbst den Protestanten, namentlich der höheren Stände, mit. Auch der Gesellenverein war hervorragend tätig; er nahm bei dem Einholungszuge die erste Stelle ein und zog die Aufmerksamkeit des hohen Herren durch seinen ergreifenden Gesang auf sich, in dem er das Pontifikalamt mit wohl eingeübtem Choral begleitete und dem Kirchenfürsten an einem Abende ein Ständchen in der Katechesierstube des Pfarrhauses brachte. Der Erzbischof kam und lauschte; neben ihm in der Tür stand der frühere Präses Steenaerts, welcher ihm den jungen Verein und dessen Förderung ans Herz legte; vor ihm hatten sich die Gesellen mit dem Vorstande aufgestellt, an der Spitze Kolping, welcher in ergreifender Ansprache ausführlich die Notwendigkeit, den Zweck und die bisherige Wirksamkeit des Vereins darlegte und diesem Werke den bischöflichen Segen erbat. Der Erzbischof widmete dem Verein und seinen Leitern Worte der huldvollsten Anerkennung und der Aufmunterung zur Beharrlichkeit und erteilte ihm dann den oberhirtlichen Segen.

Es kam nun das Sturmjahr 1848. Was er brachte, wie fast eine Stadt nach der andern ihr größeres oder kleineres Revolutiönchen sah, wie namentlich in Elberfeld ein längerer erbitterter Barrikadenkampf tobte, ist noch in vieler Erinnerung. Der Klerus trat in unerschrockenster Weise auf und war im Sinne der Ordnung unermüdet tätig. Wie ein Fels im tobenden Meere stand der Junggesellenverein da, ein Schutz für seine Kinder, die alle Verlockung widerstanden und Besseres zu tun hatten, als Beklatscher jener Brandreden abzugeben, von denen lagelang die öffentlichen Lokale widerhallten. In aller Gemütsruhe kümmerte der Verein sich lediglich um die eigenen Zwecke. Man bereitete das Statut, das sich als probat bewährt hatte, für den Druck vor und redigierte es neu, indem man an dem geschriebenen Statut von 1846 Einiges änderte. Es trägt das Datum des 9. Oktober 1848. Kolping fügte demselben folgendes Schlusswort bei:

Den Mitglieder des katholischen Jünglingsvereins

„Der Mensch ist seines Glückes es eigener Schmied“, sagt das Sprichwort und, heißt es anderwärts, „was man in der Jugend säet, wird man im Alter ernten“. Wolan denn, schmieden wir mit ernster, besonnener und fröhlicher Kraft an unseren Glücke, sähen wir bei Zeiten mit rüstiger Hand guten Samen auf ein gutes Erdreich, dass die Saat gedeihlich wachse aus der Jugend in das reifere Mannesalter hinüber, und ihre Früchte uns erfreuen, selbst über das Grab hinaus. Glücklich aber wird der Mensch, wenn er, zufrieden mit der Stellung, die ihm Gott gegeben, gerade mit Ehren und Treuen den Platz ausfüllt, den die Vorsehung ihm zugewiesen; wenn er sich eifrig bestrebt, tüchtig das zu sein und zu werden, was er sein und werden soll. Ihr seid, meine Freunde, junge Männer, die sich auf ihren künftigen Beruf vorbereiten sollen, die einst als tüchtige Bürger, als Haus- und Familienväter nicht bloß den Ihrigen vorzustehen haben, sondern deren Wohlergehen auch auf der Achtung und dem Zutrauen beruht, welches andere Leute in Euch setzen. Wollt Ihr der Achtung Eurer Mitbürger dann wert sein, soll ihr Zutrauen Euch entgegenkommen, müsst Ihr jetzt Euch bereits desselben wert machen, müsst Ihr jetzt bereits Achtung und Zutrauen Euch erwerben. Wollt Ihr einst tüchtige Meister, tüchtige Hausväter werden, müsst Ihr jetzt tüchtige Gesellen, tüchtige Arbeiter sein in dem Fache, wozu die Neigung oder göttliche Fügung Euch berufen. Euch dazu anzuleiten, den Zweck Eures Lebens klar und deutlich vorzuhalten, nach unseren Kräften Euch diesem Ziele zuzuführen, bewahrend und fördernd Eurem kostbaren Alter den Wert mitzuteilen, den es hat, haben wir den Verein gegründet, als dessen Mitglieder ich Euch mit Freuden begrüße. Was dem einzelnen zu schwer wird, oder woran er oft verzagt, dass gedeiht ohne Mühe, wenn gemeinsame Kräfte, sich gegenseitig Stütze und Halt, dem Ziele zustreben. Mit dem Vorsatze also, jetzt tüchtig zu sein, was Ihr seid, um das tüchtig zu werden, was Ihr werden sollt, Euch auszubilden nach Kräften für Euren künftigen Beruf, seid Ihr unserm Verein beigetreten. Haltet denn den wahren Zweck Eures Lebens, der zugleich anzustreben der Zweck unseres schönen Vereins ist, stets lebhaft vor Augen und versucht ihn zu erreichen mit rüstiger Kraft. Zur wahren Tüchtigkeit des Menschen gehört aber, dass er an Leib und Seele tüchtig sei, und ich verstehe darunter, dass der Mann sein Geschäft, welches es auch sei, tüchtig und gründlich verstehe, es ordentlich zu führen und zu halten wisse und dass er ein tüchtiger, ehrenwerter Christ sei im Innern und nach außen. Tüchtige Christen also wollt Ihr sein, und Ihr habt recht. Ohne ein kräftiges, lebendiges Christentum ist es mit den Menschen nichts und wird es auch nichts. Ohne ein tüchtiges Christentum kein kräftiger Halt im Leben, keine wahre Zufriedenheit, keine rechte Tugend, keine dauernde Rechtschaffenheit, ohne lebendiges Christentum kein Glück. Das Christentum ist die eigentlich gesunde Kraft im Leben; wo es mangelt, ist das Leben krank. Deshalb wollt Ihr Euch in Eurem Glauben mehr und mehr unterrichten lassen, und in der Tat, je mehr man ihn kennenlernt, umso lieber übt man ihn. – Und tüchtige Geschäftsleute wollt Ihr werden, – natürlich, dann müsst Ihr Euch jetzt schon einen männlichen Ernst, an Ordnung, Tätigkeit, Umsicht, Sparsamkeit gewöhnen, müsst Ihr jetzt Euren Stand lieb gewinnen und alle Kräfte aufbieten, Euer Geschäft tüchtig und gründlich kennen zu lernen. Dass Ihr das wollt und deswegen Euch unserem Verein angeschlossen habt, ist ein gutes Zeugnis für Eure Zukunft. Bleibt denn der Sache, Eure guten Vorsätze getreu, der Lohn wird für euch selbst nicht ausbleiben! ...“

Euer Präses
Elberfeld, im Oktober 1848 
Adolph Kolping, Kaplan

Diese Ansprache zeigt uns Kolping bereits als den vollen Präses. Es ist jene Redeweise, die ihm so ganz eigen war und die, wo immer er später als Gesellenvater sprach, bekanntlich überall zündete und die Herzen eroberte. Wir sehen aus dieser Ansprache, dass er, der im Anfang der zweite im Verein Elberfeld war und als solcher weniger hervortrat, nunmehr seine Aufgabe als ein ihm von Gott zugefallenes Pensum nach ihrer ganzen Größe und Wichtigkeit erfasst hat und dass nun die Zeit gekommen, da er sich als begeisterten und begeisternden Führer der Jugend des Handwerks, als „Gesellenvater von Gottes Gnaden“ berufen fühlt.

Ungleich mehr tritt dies hervor in einem Schriftchen, das er im Oktober 1848 verfasste und das nicht nur auf die Bewohner Elberfelds, sondern auf „alle, welche es mit dem Volkswohl gut meinen“, wo sie auch ihren Wohnsitz haben mögen, berechnet ist. Auf dem Titel desselben lesen wir schon nicht mehr das Wort „Jünglingsverein“, sondern „Gesellenverein“, welches uns zwar die Beschränkung der Tätigkeit, aber auch die Vertiefung derselben innerhalb eines bestimmten Standes, nämlich des Standes der Handwerksgesellen, als Aufgabe erkennen lässt. Die Schrift trägt als Motto den später so oft zitierten Satz: „Tätige Liebe heilt alle Wunden, bloße Worte mehren nur den Schmerz.“ Man darf wohl behaupten, dass dieses Motto ein Programm darstellt und bei aller Kürze die volle Idee des Werkes Kolpings bezeichnet. Analysieren wir die vortreffliche Schrift in folgendem.

Es herrscht, so führt der Verfasser aus, in allen Schichten unserer bürgerlichen Gesellschaft so viel moralisches Elend, dass man, wollte man es schildern, mit der Wahl in Verlegenheit geräte. Schwieriger noch würde die Aufdeckung der Heilmittel und am schwierigsten die Anwendung derselben sein. Soll man nun die Schäden unbeachtet lassen? Soll man nicht auf die Mittel zur Hebung derselben denken? Soll man nichts dafür tun? Soll man nicht wenigstens, wenn man nicht alle Schichten bessern kann, bei einem Stande anfangen? – Ich habe mir nun einen Stand herausgenommen, den man bisher wenig beachtet hat; mir ist er wichtig genug vorgekommen; ich habe mich, nachdem ich früher seine Leiden verkostet, seiner Rettung gewidmet und bitte andere um ihre Mithilfe. Welche Menschenklasse ist das?

Er schildert nun in diese Klasse, malt uns mit frappanten Farben und in packender Darstellung den Handwerksburschen seiner Zeit, schildert die frivolen Gesänge, das liederliche Herbergswesen, die Unordnung an Leib und Seele, die abgerissenen Fechtbrüder auf der Landstraße, das lose, plagende Völkchen, dass nach Vogelart durchs Land flattert und sein Futter auf fremden Äckern sammelt. Er schildert die unreinlichen Werkstätten und ihre Insassen, die kärgliche Mahlzeit und das lumpige Lager. Erinnert daran, was aus diesen Leuten wird, wenn sie erkranken. „Wohl ihnen“, ruft er aus, „wenn die Hand einer barmherzigen Schwestern sie pflegt – wehe, wenn sie verlassen liegen, vielleicht an selbstverschuldetem Siechtum, voll Misstrauen und Hass gegen die Gesellschaft und ohne wirksame Hilfe zur moralischen Erstarkung!“ Um diese Menschenklasse, aus welcher sich doch der eigentliche Bürgerstand ergänzen soll, kümmert man sich in der Regel weniger, als um ein Insekt und seine Entwicklung. Und diese Leute sollen doch Stammbürger und Familienväter werden! „Ich“, so sagt er weiter, „will mich um sie kümmern, will ihre Leiden und Freuden, ihr Leben nochmals prüfen und auf Heilmittel für sie denken. Auf die Quälereien, die sie als Lehrlinge ausstehen und in den Gesellenstand hinübernehmen, auf das Wandern, welches sich von außen zwar poetisch ausnimmt, aber durch eigene Unerfahrenheit und fremde List und Ränke so gefahr- und verhängnisvoll für den armen Reifenden selber ist, auf alles das, worüber man ein Buch schreiben müsste, wollte man es weitläufig beschreiben, will ich auf aufmerksam machen.“ Die sittlichen Veränderungen können jedoch durch bloß äußerliche Mittel nicht gehoben werden. Er weist auf die groben Entheiligungen des Sonntags und auf die Pest des blauen Montags hin, auf die Verlumpung in Bezug auf das, was Leib und Seele umgibt, auf die schlechte Lektüre, welche die Unsittlichkeit und den revolutionären Sinn nährt; er findet es fast natürlich, dass ordentliche Leute dieser Sorte Menschen scheu aus dem Wege gehen und nur solche mit ihnen verkehren, die um ihre Groschen buhlen. „Ich habe ja,“ sagt er, „selbst in den Abgrund gesehen und mehr erfahren, als ich erzählen mag. Aber soll ich sie deshalb preisgeben?“ Sind nicht auch noch gute Elemente unter ihnen?

Nun bringt er die Gründe vor, die unser Urteil über diese Klasse milder stimmen müssen. … …

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Historische Fahne des Gesellenvereins in Elberfeld.

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Johann Gregor Breuer

Kolpingjunger

Adolph Kolping

gesellenverein

Im Herbst 1848 verfasste Kolping in Elberfeld die Schrift „Der Gesellenverein“, die im Jahr 1849 in gedruckter Fassung Verbreitung fand.

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