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Schäffer

Adolph Kolping

Sein Leben und Werk

umgearbeitet und ergänzt von Johannes Dahl

 

7. Auflage , 1947

ERSTES KAPITEL

 

»WAR EINST EIN BRAVER JUNGGESELL...“

 

Heimat und Elternhaus

1813 – das Schicksalsjahr des deutschen Volkes nach revolutionärer Umwälzung und drückender Fremdherrschaft neigte sich zum Ende. Mit den Herbststürmen jagte bis in die letzten rheinischen Dörfer, über denen noch die Trikolore Frankreichs wehte, die Kunde von der großen, viertägigen Oktoberschlacht bei Leipzig, von der eiligen Flucht Napoleons, vom Marschall Blücher, der seine Truppen am Rhein zusammenzog. Von manch heldenhafter Tat des aufbrechenden Freiheitswillens wußten die kiepentragenden Händler zu erzählen, jedoch auch von der Wildheit anrückender Kosakenheere, vor denen man Kinder und Frauen in Sicherheit bringen müsse.

Um diese Zeit meldete auf dem französischen Bürgermeisteramte in Kerpen ein schlichter Schäfer die Geburt seines jüngsten Kindes an. Der Standesbeamte setzte den Federkiel auf das vorgedruckte Folioblatt seines Geburtenregisters und stellte in französischer Sprache diese Urkunde aus:

»Im Jahre 1813, am 9. Dezember, vormittags 9 Uhr, erschien vor uns, Hubert Josef Herresdorf, dem beauftragten Adjutanten des Bürgermeisters von Kerpen, Offizier im Zivildienste, Pierre Külping, 40 Jahre alt, und zeigte uns ein Kind männlichen Geschlechtes vor, geboren am 8. Dezember 1813, nachmittags 3 Uhr, von ihm, Pierre Külping, und seiner Gattin Anne Marie Zurheyden, wohnhaft in Kerpen. Er erklärte, ihm den Namen Adolphe zu geben.

Diese Erklärung wurde abgegeben in Gegenwart der Herren Wilhelm Zurheyden, 45 Jahre alt, von Beruf Schneider, wohnhaft in Kerpen, und Michel Birrenkott, 47 Jahre alt, von Beruf Bauer, wohnhaft in Kerpen.« Dann reichte er den Federkiel dem Vater Peter Kolping. Der aber gab ihn mit verneinender Geste zurück. Und der Beamte fügte einer Urkunde die Bemerkung an: »Pierre Külping erklärt, nicht schreiben zu können.« Es folgen die Unterschriften der beiden Zeugen und zuletzt mit zierlichem Schnörkel H. J. Herresdorff.

Wo die letzten Ausläufer der Eifelberge sich in sanftem Höhenzug in die niederrheinische Tiefebene hineinstrecken, an der alten Heerstraße von Köln nach Aachen, liegt das Städtchen Kerpen. Ein hoher Kirchturm, der seine Spitze stolz wie eine Krone trägt, schaut über das weite Land, über die Niederung der Erft bis in die von Braunkohlenwerken aufgewühlten Waldhöhen des Vorgebirges, bis in die dunklen Täler der Eifel, bis hinüber zur Stadt Düren und weit hinunter in das fruchtbare Land rheinischer Bauerngeschlechter.

Die im Volksmunde noch fortlebenden Namen »Kölligs-Kerpen« und »Spanisch-Kerpen« weisen auf eine lange und bewegte Vergangenheit hin. Der Name Kerpen soll herrühren vom Stamme der Carpen, die vom römischen Kaiser Aurelian in dieser Gegend als Kolonisten angesiedelt wurden. Ein alter Meierhof erinnert an die Frankenkönige, die von Aachen her das Land regierten. Karl d. Gr. errichtete ein klösterliches Stift, das tausend Jahre bis zur Aufhebung im Jahre 1804 bestand. Ein prachtvolles Schloß, von dem kein Stein geblieben ist, war Jahrhunderte hindurch der Sitz der oft wechselnden Herren des Städtchens. Die Zeit spanischer Herrschaft trug den Kerpenern den Namen »Spanier« ein. Als Adolph Kolping geboren wurde, ging dieses Land am Rhein von Frankreich an Preußen über.

Am Rande des Städtchens, wo die Wege sich verlieren in fruchtbaren Äckern und Weiden, steht heute noch jenes kleine Fachwerkhaus, das dem Schäfer Peter Kolping und seiner Familie als Heimstatt diente. Das ursprünglich einstöckige Bauernhaus ist erst später aufgestockt worden. Durch die großzügige Hilfe amerikanischer Kolpingssöhne konnte das Haus 1912 vom Generalpräsidium des Gesellenvereins erworben werden.

In jenem Winter, da in der Neujahrsnacht Marschall Blücher mit seinen Truppen über den Rhein setzte, waren die nach Frankreich führenden Straßen ständig beunruhigt von den ziehenden und lagernden Heereshaufen der verbündeten Armeen. Noch lange erzählten sich die Kerpener von einer bösen Überraschung im Hause Kolpings. Da man den asiatischen Kriegsvölkern, die einen Teil des russischen Heeres bildeten, Kinderraub zutraute, nahm eine besorgte Nachbarin den kleinen Adolph ohne Wissen der Eltern heimlich aus der Wiege, um ihn bis zum Abzug der gefürchteten Gäste in Sicherheit zu bringen. Groß war der Schrecken der Eltern, größer dann aber die Freude, ihr Kind wohlbehalten wiederzufinden.

Im Kreise einer Familie, die vom Fleiß ihrer Hände und aus der Kraft ihres Glaubens lebte, wuchs der Knabe heran. Wenn auch die Not jener Nachkriegsjahre mancherlei Entbehrungen erzwang, der seelische Reichtum dieser Familie schien unerschöpflich. Hier formte sich die bildsame Seele des jüngsten Kindes am Beispiel eines kraftvollen Vaters und einer liebenden Mutter. Das Erlebnis des Elternhauses wirkte so tief, daß es noch nach Jahrzehnten in den Reden und Schriften des Gesellenvaters nachklingt: »In einem Stübchen, wo zehn Menschen anfingen, die Fliegen an den Wänden zu hindern, saßen sieben, acht oder neun ziemlich eng und traulich beieinander: der alte Großvater im Lehnstuhl hinter dem Ofen, Mutter und Schwester beim Spinnrad, Onkel Michael aus der Nachbarschaft beim Vater in der Ecke sein Pfeifchen rauchend, ich mit dem „Eulenspiegel" oder den "Vier Haimonskindern" zunächst an der Lampe, alle höchst vergnügt, daß ich jetzt noch oft davon träume. Es war eine selige, glückliche Zeit, damals in der Jugend im Schoße einer Familie, in der man, ohne auch nur den Namen zu nennen, die lauterste Liebe in vollen Zügen trank.«

Um dieses Heim kreisten seine Gedanken in der Ferne: »Das war nun alles Freud' um die seligen Stunden zu Hause hinter dem Ofen mit den Kindern bei dem alten Vater ... « Hier erlebte Kolping die hohe Würde der Vaterschaft, hier galt des Vaters Wort wie heiliges Gebot. Als ein Schulkamerad im Hause Kolpings eine unpassende und dem Geiste der Familie widersprechende Bemerkung wagte, gab es eine nicht mißzuverstehende Abfuhr: »Mein Vater, der seine Pfeife schmauchend hinter dem Ofen saß, hörte kaum das Wort, als er aufstand aus seinem Sessel, den jungen mit dem Arm nahm, die Türe öffnete und ihn mit dem Bedeuten an die Luft setzte, dass er sich nie wieder erkühnen solle, einen Fußtritt über die Schwelle des Hauses zu setzen.« Männlich groß und stark steht das Bild seines Vaters hinter den Worten, die er später seinen Gesellen über ihre Vaterpflichten sagte: »Wenn in einem Hauswesen ein Unglück eintritt – und welches Haus wäre oder bliebe ohne Kreuz! – dann wird dieser Mann... Mut haben, dem Unglück mit männlicher Kraft zu begegnen und auch Mut haben, ...sich wie ein Mann zu ergeben, wenn es nicht anders ist. Der flucht nicht, tobt nicht, reißt nicht aus, schiebt nicht die Schuld auf diesen oder jenen, gar auf Weib und Kind, wozu gar kein Mut, aber eine gute Portion erbärmlicher Feigheit gehört, sondern bleibt Mann; und weil er Mann bleibt, werden die übrigen auch Mut fassen und das Kreuz leichter tragen.« Dieses schlichten Mannes Antlitz, der wie den Herden des Meierhofes so seiner Familie ein Führer war, leuchtet aus den Worten Kolpings über die religiöse Sendung des Vaters: »Wie er und weil er Gottes Stellvertreter ist in seiner Familie, so hat er vor allen Dingen sich dem zu untergeben, den er vertritt, aber den Seinen auch den, soviel es angeht, darzustellen, in dessen Namen er wirken soll.«

Neben diesem väterlichen Hirten seiner Familie waltete eine schlichte und tapfere Frau, eine tieffromme Mutter. Am Herzen dieser Mutter entzündete sich jene Glut der Liebe, die wie heiliges Feuer aus den Worten des priesterlichen Sohnes schlug, wenn er vor seinen Gesellen von der Würde und der Aufgabe der Mütter sprach. So tief hat sich das Bild dieser Mutter in die Seele des Sohnes eingegraben, daß der Gesellenvater und Familienseelsorger Kolping ohne seine mütterliche Führerin gar nicht denkbar ist.

Der Fünfzigjährige erinnert sich in seinem »Kalender« noch in dankbarer Ergriffenheit seiner Jugendjahre im Elternhause: »Wenn die Mutter, Gott habe sie selig, die Kinderschar um sich herum, wieder nach einem frischen Brote griff, um das Mark der Nahrung auszuteilen, dann schnitt sie nicht ohne weiteres in die braune Kruste hinein, sondern hob den Brotleib erst in die Höhe, zog mit dem wuchtigen Brotmesser erst ein Kreuz über die untere Platte des Brotes; Gott walt' s! sagte sie ferner, und dann erst fielen die duftigen Schnitten nieder. Sie hätte es wie eine Sünde angesehen, wenn einer im frommen Hause den Brauch nicht in Obacht gehalten und ohne das christliche Segenszeichen, ohne Gott, ins kostbare Brot hineingefahren wäre... Darin bestand eben die tiefe christliche Weisheit von daheim, welche Vater und Mutter so sorglich übten, daß man gewöhnt ward, alles, das Kleine wie das Große, im Leben mit Gott zu beginnen, damit es auf rechtem Wege bleibe und der rechte Segen nicht fehle.«

Mit welch zarten Farben wußte der Sohn das Bild dieser Mutter zu zeichnen: »Daß ich deine Brust getrunken und nicht die Brust einer fremden Amme, ob auch darüber eine Falte mehr in dein ehrwürdiges Antlitz sich gelegt – mir noch mit grauen Haaren ein Ehrenzug in deinem mütterlichen Angesichte –, daß deine Arme mich getragen, deine Hände mich gepflegt, daß ich täglich dir tief und immer tiefer ins Mutterauge habe schauen dürfen, daß deine Lippen mein unschuldiges Antlitz berührten, daß du mich zu Bett gebracht, du mich aufgeweckt, das heilige Kreuz du mir auf die Stirn gedrückt, nicht fremde Hände, das danke ich dir heute noch, teure, unvergeßliche Mutter, stille, bescheidene Frau, Zierde deines Geschlechtes. Das wird, das kann ein Kind nie vergessen. Daß du mich mit mütterlicher Sorge umgeben, als ich größer war und der innere Beruf den werdenden Sohn nach außen trieb, damit er seiner Bestimmung heranreife, daß deine Pflege, stets sich selbst vergessend, wie es einer wahren Mutter geziemt, mich nicht bis zu deinem Tode verlassen, das danke ich dir im Grabe noch darum, weil dein Herz das meine weich und warm gehalten, wo es ohne dich wahrscheinlich kalt und hart geworden wäre zwischen der Selbstsucht fremder Menschen... Deine Liebe, selige Mutter, hat die Geschwister sich lieben gelehrt, und diese Liebe, die aus dem Mutterherzen hervorgegangen, ist doch die beste geblieben im langen, wechselvollen Leben.«

Der Geist dieser Mutter hat dem Sohne die Feder geführt, als er von der religiösen Berufung der Frau in der Familie schrieb: »Die Religion der Frau soll sein wie die Sonne am Himmel, die gar kein Geräusch macht und doch in ihrer ruhigen Klarheit alles erfreut, belebt und erquickt. Die Religion der Frau soll sein wie das Feuer auf dem heimischen Herde, um das sich alle scharen, die draußen kalt geworden, welches das ganze Haus erwärmt und erquickt. Die Religion soll sein wie das Herz in der Menschenbrust, das dem ganzen Körper in stiller, heimlicher Geschäftigkeit Leben und Wärme mitteilt.«

Im Spiegelbild des Sohnes erkennen wir mit greifbarer Deutlichkeit jenes bescheidene und doch von köstlichem Reichtum erfüllte Heimathaus am Rande üppiger Äcker bei Kerpen, spüren wir heute noch jene behagliche Wärme und jene kraftvolle Haltung eines echten Christseins in der Familie des Hirten Peter Kolping. Das war der Wurzelboden, aus dem ein großer und heiliger Sohn wachsen konnte.

Aus dieser Zeit wird berichtet, der schwer erkrankte Pfarrer habe den Knaben am Tage seiner ersten heiligen Kommunion zu sich an sein Bett rufen lassen, er habe ihm lange in die Augen gesehen und dann gesagt: »Ich segne dich, mein Kind. Gott scheint dich zu großen Dingen berufen zu wollen.« Kurz nachher starb Pfarrer Heyd. Er hatte wahr gesprochen.

In Kerpen wirkte seit 1802 ein vortrefflicher Erzieher der Jugend: der im Jahre 1860 hochbetagt verstorbene Lehrer Jakob Wilhelm Statz. 54 Jahre lang leitete er die Schule des Städtchens. Drei Generationen saßen zu seinen Füßen. Mit wahrer Berufsliebe verbanden sich bei ihm vielseitige Bildung, ein klarer Blick, unermüdliche Geduld und tiefe Frömmigkeit. Mit väterlicher Liebe nahm Statz sich des hoffnungsvollen, phantasiereichen Knaben an und übte auch noch über die Schule hinaus einen anregenden und wohltätigen Einfluß auf ihn aus. Wenn Kolping sich später an den Lehrer seiner Kindheit erinnerte, sprach er immer mit Hochachtung und wärmstem Dank von ihm. »Die glücklichsten Stunden meines Lebens habe ich unter seiner Aufsicht zugebracht. Meine Augen leuchteten, wenn er in seiner frischen Weise, mit der Liebe eines Vaters seinen Schülern die Lebensgeschichten großer Männer erzählte, wenn er sie mit Kenntnissen bereicherte, die nicht zum Pensum kleiner Landschulen gehörten, die aber für uns alle etwas ungemein Anregendes und Begeisterndes hatten«, war Kolpings Urteil über seinen Lehrer Statz.

In solchen Stunden mag in dem jungen, aufgeschlossenen Schüler der Wunsch nach höherer Bildung erwacht sein. Und dieser Wunsch wurde, so oft und so mächtig auch die Verhältnisse ihn zurückdrängen mußten, später immer unabweisbarer. Tagelang beschäftigte ihn dann der Gedanke an ein wissenschaftliches Studium. Aber die Dürftigkeit seines Elternhauses und die Aussichtslosigkeit, einen Wohltäter zu finden, ließen ihm seine Zukunftsträume immer wieder als »fromme Wünsche« erscheinen, die unerfüllbar blieben. Die Zeiten waren vorbei, in denen klösterliche Anstalten sich junger Talente annahmen. In den Jugendjahren Kolpings bestand keine dieser Bildungsstätten mehr.

 

Lehrling und Geselle

So blieb dem armen Knaben keine andere Möglichkeit, als sich dem Wunsche der Eltern zu fügen und als 13-Jähriger beim Schuhmachermeister Meuser in Kerpen in die Lehre zu treten. Das Schuhmacherhandwerk hatte von jeher eine Anlage zum stillen Sinnen und Grübeln. Während der Schuster auf seinem Dreibein sitzt, sohlt und fleckt und näht, weilen seine Gedanken oft bei höheren Dingen. So kommt's, daß Dichter und Philosophen dieser Zunft entstammen, wie Hans Sachs, Jakob Böhme und andere.

Was Kolping unternahm, tat er ganz und rechtschaffen. Er verwandte allen Fleiß und Eifer darauf, in seinem Beruf etwas Tüchtiges zu werden und zu leisten. Nach Abschluß der Lehrzeit arbeitete er als Geselle in ländlichen Werkstätten der Umgegend: von 1829 bis 1832 in Sindorf, Düren und Lechenich. Überall hat er sich zur vollsten Zufriedenheit seiner Meister geführt, wie in dem einzigen noch vorhandenen Zeugnis bestätigt wird:

»Adolph Kolping, gebürtig aus Kerpen, alt 18 Jahre, von mittlerer Statur, blonden Haaren, unverheiratet, hat bei mir ein Jahr als Gesell gedient. Zu seiner Beglaubigung habe ich diesen Schein, der Gesinde-Ordnung und der Wahrheit gemäß, unter meiner eigenhändigen Unterschrift erteilt und mit meinem Petschaft besiegelt.

Lechenich, den 26. März 1832. Johann Michael Schwister.
Zur Beglaubigung, und ist Inhaber 1813 geboren.

Lechenich, wie oben. Der Bürgermeister Dom“

Ob er auf dem Lande ein Virtuose in seiner Kunst geworden, wissen wir nicht; soviel ist uns nur bekannt, daß er später in den Versammlungen seiner Gesellen an die Notwendigkeit des Strebens nach allseitiger geschäftlicher Tüchtigkeit erinnerte und die Mittel und Wege, die dazu führen, dringend empfahl. Er führte oft sein früheres Handwerkerleben als Beispiel an. Unter schelmischem Lachen erzählte er, wie er als junger Schuster seinem Vater ein Paar Stiefel gemacht hatte, die so ungeschickt waren, daß der gute Vater Peter Kolping seine Füße hinein-, aber nicht mehr herausbrachte. »So geht's«, sagte er dann, »man muß immer lernen, und jeder muß die Erfahrung machen, daß kein Gelehrter, aber auch kein Handwerker vom Himmel gefallen ist.«

Kracht